Die verborgene Geschichte der bayerischen Entbindungsheime: Zwangsadoptionen und das Schweigen der Mütter

Bis Anfang der 1980er Jahre boten sogenannte Entbindungsheime, Mütterheime oder Magdalenenheime in Bayern Frauen die Möglichkeit, ihre Schwangerschaften zu verbergen. Diese Einrichtungen waren oft private oder kirchliche Heime, in denen schwangere Frauen, die als "gefallene Mädchen" bezeichnet wurden, weil sie ledig oder minderjährig waren, lebten und arbeiteten - oft bis zur Geburt ihres Kindes. Die Gesellschaft verachtete diese Frauen und ihre Situation, was viele dazu zwang, ihre Kinder im Heim zurückzulassen, was nicht immer eine freiwillige Entscheidung war.

Fotos von historischen Entbindungsheimen in Bayern

Das Leben in den Heimen und die Freigabe von Kindern

Schwangere Frauen, die als Hausschwangere oder "gefallene Mädchen" bezeichnet wurden, lebten und arbeiteten mindestens bis zur Geburt in diesen privaten oder kirchlichen Heimen. Die gesellschaftliche Verachtung für ledige oder minderjährige Schwangere war immens. Viele der Frauen gaben ihr Kind zur Adoption frei und kehrten nach Hause zurück, in der Hoffnung, ihr Leben würde wieder normal verlaufen. Doch für einige wurde es nie mehr wie vorher.

Bettina Heckerts Suche nach ihrem Sohn

Ein Beispiel dafür ist Bettina Heckert, die in einer radioDoku zum ersten Mal an den Ort zurückkehrt, an dem sie vor 38 Jahren ihren Sohn zurückgelassen hat: das ehemalige Mütterheim der Frauenklinik Taxisstraße in München. Bettina Heckert berichtet, dass ihre Mutter sie damals unter Druck gesetzt habe, das Baby zur Adoption freizugeben, da eine ledige Schwangerschaft als Schande galt. Seit der Geburt ihres Sohnes denkt Bettina Heckert an ihn und vermisst ihn. Sie liebt ihn, obwohl sie ihn nie gesehen hat und nur seinen ersten Schrei hörte, bevor die Schwestern ihn wegnahm.

Eine Frau, die einen Brief hält, der symbolisch für die Suche nach verlorenen Kindern steht

Das Schweigen über eine unsichtbare Geschichte

Viele Frauen schweigen aus Scham ihr Leben lang darüber, dass sie ein Kind in einem Entbindungsheim geboren und zur Adoption freigegeben haben. Dies macht die Geschichte der Mütterheime beinahe unsichtbar, obwohl allein in Bayern laut offiziellen Heimverzeichnissen 27 solcher Einrichtungen existierten. Informationen über diese Zeit sind kaum in alten Zeitungsberichten, Archiven und Bibliotheken zu finden.

Zeitzeuginnen berichten von erzwungenen Adoptionen

Durch eine Zeitungsannonce konnten Zeitzeuginnen gefunden werden, die eine Zeitlang in bayerischen Mütterheimen gelebt und gearbeitet haben. Einige von ihnen berichten, wie sie sich zur Adoption gedrängt fühlten. Ursula Drenda beschreibt eine Hebamme, die ihr im Jahr 1970 die Tochter wegnahm, nur fünf Tage nach der Geburt, als "eine richtige Babyhändlerin". Die Hebamme habe sie erpresst. Ursula Drenda zeigte sie daraufhin an, konnte die Adoption jedoch nicht rückgängig machen. Sie sagt: "Ich konnte jahrelang nicht schlafen, habe mich immer gefragt: Werde ich meine Tochter jemals treffen?"

Die "Foto Love Story" und die kalte Realität der Adoption

Das Münchner Entbindungsheim, in dem es zu erpresserischen Praktiken kam, existiert heute nicht mehr, und die Spurensuche gestaltet sich schwierig. Ein bizarres Fundstück ist eine "Foto Love Story" aus der Jugendzeitschrift Bravo aus dem Jahr 1973. In dieser Geschichte spielt die gesuchte Hebamme am Original-Schauplatz, dem Entbindungsheim, die Hauptrolle. Eine ledige Schwangere soll "ihr Kind verschenken", da sie es heimlich bekommen musste, um nicht von ihren Eltern aus dem Haus gejagt zu werden. Die Adoption wird fast wie ein Autokauf dargestellt, bei dem die Hebamme das Neugeborene den Adoptiveltern überreicht. Die Bravo schreibt: "Niemals wird es erfahren, wer seine leibliche Mutter ist."

NZZ Video – Zeitung erleben

Doch die leiblichen Mütter, die in der radioDoku von den Adoptionen in den Entbindungsheimen erzählen, lässt genau das nicht los. Sie fragen sich bis heute: Was wurde aus meinem Kind? Bettina Heckert macht sich auf die Suche nach ihrem Sohn und traut sich erst jetzt, mit 58 Jahren, ihm einen Brief zu schreiben. Der Brief beginnt: "Hallo, ich weiß nicht wie ich dich ansprechen soll. Nach all den Jahren hatte ich so viele Worte und Sätze."

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