Das Blut von Neugeborenen ist in der Regel nicht zu dickflüssig. Dennoch kann es in seltenen Fällen zu einer erhöhten Konzentration von roten Blutkörperchen kommen, was als Polyzythämie oder Polyglobulie bezeichnet wird. Dieser Zustand kann zu einem erhöhten Risiko für verschiedene gesundheitliche Komplikationen führen. Im Folgenden werden die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Polyzythämie bei Neugeborenen detailliert erläutert.
Was ist Polyzythämie?
Polyzythämie bezeichnet einen Zustand, bei dem die Anzahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) im Blut über das Normalmaß hinaus erhöht ist. Rote Blutkörperchen sind entscheidend für den Sauerstofftransport von der Lunge zu den Organen und Geweben des Körpers. Bei einer Polyzythämie steigt neben der Anzahl der Erythrozyten auch der Hämoglobin-Wert und der Hämatokrit (der prozentuale Anteil der roten Blutkörperchen am Gesamtblutvolumen). Dies führt zu einer erhöhten Viskosität des Blutes, was als Hyperviskositätssyndrom bezeichnet wird.
Das menschliche Blut besteht aus verschiedenen Komponenten: dem flüssigen Blutplasma und drei Arten von Blutzellen: roten Blutkörperchen (Erythrozyten), weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten). Die roten Blutkörperchen transportieren Sauerstoff, die weißen Blutkörperchen sind für die Immunabwehr zuständig und die Blutplättchen spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung.
Bei einer Polyglobulie ist die Menge der roten Blutkörperchen erhöht. Dies kann zu einer Verdickung des Blutes führen, was die Fließeigenschaften negativ beeinflusst. Das Blut bewegt sich langsamer durch die Blutgefäße, was die Bildung von Blutgerinnseln begünstigen kann und zu einem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen wie Thrombose oder Herzinfarkt führt. Zudem kann die Sauerstoffversorgung des Körpers beeinträchtigt werden.
Man unterscheidet verschiedene Formen der Polyglobulie:
- Absolute Polyglobulie: Die Menge der roten Blutkörperchen ist tatsächlich erhöht.
- Relative Polyglobulie: Das Blutplasma ist zu niedrig, z. B. durch Flüssigkeitsverlust, was die Konzentration der roten Blutkörperchen erhöht, obwohl ihre Gesamtzahl normal ist.
Zudem wird zwischen primärer und sekundärer Polyglobulie unterschieden:
- Primäre Polyglobulie: Hier ist die Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark gestört, z. B. bei Polyzythämia vera, einer seltenen Form von Blutkrebs.
- Sekundäre Polyglobulie: Der Defekt liegt nicht in den blutzellenbildenden Zellen selbst, sondern ist die Folge anderer Erkrankungen oder Bedingungen.
Ursachen der Polyzythämie bei Neugeborenen
Die Ursachen für Polyzythämie bei Neugeborenen sind vielfältig und können sowohl pränatal als auch perinatal bedingt sein. Zu den wichtigsten Ursachen gehören:
Pränatale Ursachen:
- Intrauterine Hypoxie (Sauerstoffmangel im Mutterleib): Wenn das ungeborene Kind nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, kann der Körper als Reaktion darauf vermehrt rote Blutkörperchen produzieren, um den Sauerstofftransport zu verbessern.
- Perinatale Asphyxie (Sauerstoffmangel bei oder kurz nach der Geburt).
- Plazentatransfusion: Dies kann verschiedene Formen annehmen:
- Fetofetaler Transfusion (Zwilling-zu-Zwilling-Transfusion): Bei eineiigen Zwillingen kann es zu einem Blutfluss von einem Zwilling zum anderen über die Plazenta kommen.
- Mutter-Kind-Transfusion: Ein Blutfluss vom Fötus zur Mutter.
- Übertragene Neugeborene (Kinder, die nach dem errechneten Geburtstermin geboren werden) und Kinder von Müttern mit Diabetes mellitus.
- Mütterlicher Insulin-abhängiger Diabetes.
- Intrauterine Wachstumsretardierung (Wachstumsverzögerung des Fötus im Mutterleib).
- Angeborene Anomalien: Dazu zählen z. B. zyanotische kongenitale Herzerkrankungen, renovaskuläre Fehlbildungen oder kongenitale Nebennierenhyperplasie.
- Down-Syndrom oder andere Trisomien.
- Beckwith-Wiedemann-Syndrom.
- Leben der Mutter in großer Höhe (geringere Sauerstoffkonzentration in der Luft).
Perinatale Ursachen:
- Bestimmte Entbindungsverfahren:
- Übermäßig verzögertes Abklemmen der Nabelschnur.
- Halten des Neugeborenen unterhalb des Niveaus der Mutter vor dem Abklemmen der Nabelschnur.
- Ausstreifen der Nabelschnur in Richtung des Neugeborenen bei der Entbindung.
- Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) des Neugeborenen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Begriffe Polyzythämie und Hyperviskositätssyndrom oft synonym verwendet werden, aber nicht dasselbe bedeuten. Die Polyzythämie ist relevant, weil sie das Risiko für ein Hyperviskositätssyndrom erhöht. Dieses Syndrom ist ein klinisches Symptom, das durch die Aggregation der Erythrozyten in den Blutgefäßen verursacht wird.
Symptome der Polyzythämie bei Neugeborenen
Die Symptome der Polyzythämie bei Neugeborenen können vielfältig sein und sind oft unspezifisch. Bei vielen betroffenen Neugeborenen treten keine offensichtlichen Symptome auf. Wenn Symptome auftreten, können sie auf das Hyperviskositätssyndrom zurückzuführen sein:
- Hautveränderungen: Rötliche oder dunkel verfärbte Haut (Plethora), insbesondere im Gesicht.
- Neurologische Symptome: Lethargie (Teilnahmslosigkeit), Reizbarkeit, Zittern, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen bis hin zur Ohnmacht.
- Atemwegsprobleme: Atemnot, Tachykardie (erhöhte Herzfrequenz), Apnoe (Atemstillstand).
- Ernährungsprobleme: Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, Appetitlosigkeit.
- Andere Symptome: Hypoglykämie (niedriger Blutzucker), Hyperbilirubinämie (erhöhter Bilirubinwert, der zu Gelbsucht führt), Hypotonie (verminderte Muskelspannung), Zittern.
Bei einer Nierenvenenthrombose können Symptome wie renale Tubulusschäden oder Proteinurie auftreten.

Diagnose der Polyzythämie
Die Diagnose der Polyzythämie bei Neugeborenen basiert auf klinischen Befunden und Laboruntersuchungen. Ein wichtiger Parameter ist der Hämatokrit-Wert.
- Hämatokrit-Messung: Ein venöser oder arterieller Hämatokrit-Wert von ≥ 65% gilt als Indikator für Polyzythämie bei Neugeborenen. Kapillarproben können den Hämatokritwert häufig überschätzen.
- Klinische Bewertung: Die Anwesenheit der oben genannten Symptome unterstützt die Diagnose.
- Weitere Laboruntersuchungen: Können niedrige Blutzucker- und Kalziumspiegel, Hinweise auf Erythrozytenlyse (Zerstörung roter Blutkörperchen), Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), Hyperbilirubinämie, Retikulozytose (erhöhte Anzahl junger roter Blutkörperchen) und erhöhte periphere kernhaltige Erythrozyten umfassen.
Die Bestimmung der Viskosität des Blutes wird in den meisten Laboren nicht routinemäßig durchgeführt, ist aber für die Diagnose des Hyperviskositätssyndroms relevant.
Behandlung der Polyzythämie bei Neugeborenen
Die Behandlung der Polyzythämie richtet sich nach dem Vorhandensein von Symptomen und dem Schweregrad des erhöhten Hämatokrit-Wertes. Das Hauptziel ist es, die Blutviskosität zu reduzieren und Komplikationen zu verhindern.
- Intravenöse Flüssigkeitsgabe (IV-Hydratation): Bei asymptomatischen Neugeborenen mit einem Hämatokrit-Wert von ≤ 65-70% wird zunächst eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr empfohlen. Dies kann dazu beitragen, den Hämatokrit-Wert zu senken, indem das Blutvolumen erhöht wird.
- Partielle Austauschtransfusion (Isovolämische Blutverdünnung): Symptomatische Neugeborene mit einem Hämatokrit-Wert von > 65-70% oder asymptomatische Neugeborene, deren Hämatokrit-Wert trotz Hydratation anhaltend hoch bleibt, profitieren oft von einer partiellen Austauschtransfusion. Dabei wird eine kleine Menge Blut entnommen (z. B. 5 ml/kg) und sofort durch die gleiche Menge einer isotonen Kochsalzlösung ersetzt. Ziel ist es, den Hämatokrit-Wert auf ≤ 55% zu senken.
Obwohl eine partielle Austauschtransfusion einen messbaren Soforteffekt auf die Viskosität hat, ist der langfristige Nutzen hinsichtlich Wachstum und neurologischer Entwicklung in Studien nicht immer eindeutig belegt. Die Behandlung sollte immer unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Blut erklärt: So entsteht es in deinem Körper | Animation
Zusammenhang mit Hämophilie
Es ist wichtig zu erwähnen, dass der Text auch Informationen zur Hämophilie enthält, einer Blutgerinnungsstörung. Während Polyzythämie eine erhöhte Anzahl von roten Blutkörperchen beschreibt, ist Hämophilie eine Erkrankung, bei der die Blutgerinnung gestört ist, was zu einem erhöhten Blutungsrisiko führt. Die ursprüngliche Anfrage bezog sich primär auf "Blut zu dickflüssig", was eindeutig auf Polyzythämie hindeutet. Die Informationen zur Hämophilie, wie z.B. das geringe Blutungsrisiko in der Neugeborenenzeit, das Risiko bei ritueller Beschneidung und die Impfempfehlungen, sind zwar im Text vorhanden, aber nicht direkt relevant für das Thema der "zu dicken Blutflüssigkeit".
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