Leitfaden zur Reanimation von Säuglingen und Kindern

Die Herz-Lungen-Wiederbelebung (Reanimation) ist eine der wichtigsten Maßnahmen der Ersten Hilfe. Laut dem Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung könnten jedes Jahr in Deutschland 10.000 Leben gerettet werden, wenn Passanten oder Angehörige im Ernstfall sofort mit einer Reanimation beginnen würden. Ist ein Mensch nicht mehr bei Bewusstsein und es ist keine normale Atmung feststellbar, müssen diese lebenswichtigen Funktionen durch eine Herz-Lungen-Wiederbelebung ersetzt werden.

Illustration eines Kindes, das auf eine Reanimationsmaßnahme wartet

Erste Schritte bei der Reanimation von Säuglingen

Zuerst sollten Sie das Kind ansprechen und vorsichtig an den Schultern rütteln, wenn keine Reaktion erfolgt. Anschließend ist die Atmung zu prüfen. Dabei ist zu beachten, dass es bei Säuglingen zu vorübergehenden Atempausen kommen kann, die jedoch selten länger als 15 Sekunden dauern. Als Säugling wird ein Baby bezeichnet, das noch nicht älter als ein Jahr ist.

Wenn das Kind nicht aufwacht und keine normale Atmung feststellbar ist, muss mit der Reanimation begonnen werden. Die Reanimation bei Babys besteht, ähnlich wie bei Erwachsenen, aus zwei Teilen: der Herzdruckmassage und der Beatmung.

Die korrekte Kopfhaltung

Bei der Reanimation von Säuglingen ist besondere Vorsicht im Umgang mit dem Kopf geboten. Ein zu starkes Überstrecken des Kopfes kann zum Abknicken der Atemwege führen. Daher sollte darauf geachtet werden, dass Kopf, Hals und Schulter eine waagerechte Linie bilden. Dies gelingt leichter, wenn unter die Schultern des Babys eine feste Unterlage gelegt wird.

Herzdruckmassage und Beatmung beim Säugling

Nach den ersten fünf Beatmungen sollten im steten Wechsel 30 Herzdruckmassagen und 2 Atemspenden erfolgen. Für die Herzdruckmassage bei Babys werden nur zwei Finger (Zeige- und Mittelfinger) der führenden Hand verwendet, die auf die untere Brustkorbhälfte platziert werden. Der Druckpunkt befindet sich auf dem unteren Drittel des Brustbeins. Der Brustkorb sollte etwa 4 cm tief nach unten gedrückt werden. Die Druck- und Entlastungsdauer sollten gleich sein. Die Frequenz der Kompressionen sollte 100- bis 120-mal pro Minute betragen.

Bei der Beatmung werden die Lippen um Mund und Nase des Babys gelegt und etwa eine Sekunde lang gleichmäßig und kräftig eingeatmet. Der Brustkorb sollte sich dabei sichtbar heben. Warten Sie, bis sich der Brustkorb wieder gesenkt hat, bevor die nächste Atemspende erfolgt. Wenn keine Möglichkeit zur Atemspende besteht, wird dauerhaft die Herzdruckmassage durchgeführt.

Schema zur Durchführung der Herzdruckmassage bei Säuglingen mit zwei Fingern

Unterschiede in der Reanimation: Kind vs. Erwachsener

Die Herzdruckmassage bei Babys wird mit zwei Fingern durchgeführt, während bei Erwachsenen beide Hände zum Einsatz kommen. Bei Kindern liegt die häufigste Ursache für einen Kreislaufstillstand in einem Atemwegsproblem, im Gegensatz zu Erwachsenen, bei denen oft eine Herzerkrankung zugrunde liegt.

Wichtige Unterschiede im Verhältnis von Kompressionen zu Beatmungen

  • Neugeborene (unmittelbar nach Geburt): 3:1 (wenn trotz Beatmung Herzfrequenz < 60/min)
  • Kinder ("sehen aus wie Kinder"): 15:2
  • Junge Erwachsene ("sehen aus wie Erwachsene"): 30:2

Erste Hilfe bei Kleinkindern und Kindern

Viele Menschen sind unsicher, wenn es um lebensrettende Erste-Hilfe-Maßnahmen geht. Der Gedanke daran, selbst eine Reanimation durchzuführen, kann einschüchternd sein. Dennoch ist es wichtig, im Notfall einen kühlen Kopf zu bewahren und entschlossen zu handeln. Kinder sind aktiv und nicht immer vorsichtig.

Schritte im Notfall:

  • Keine Reaktion / Schnappatmung: Mit Reanimation beginnen!
  • Notruf absetzen: Bei zwei Helfern übernimmt eine Person die Reanimation, die andere setzt den Notruf ab (112). Sind Sie allein und in der Öffentlichkeit, rufen Sie laut um Hilfe und wählen Sie dann den Notruf 112, idealerweise mit der Freisprechfunktion.
  • Eigenwärme erhalten: Eine Rettungsdecke wärmt und gibt dem Kind ein sicheres Gefühl.
  • Trösten und Betreuen: Trösten Sie das Baby, wenn möglich.

Atemwegskontrolle und Kopfhaltung bei Kindern

Bei Kindern ist die richtige Kopfhaltung entscheidend, um die Atemwege freizuhalten. Bei Säuglingen (bis zu einem Jahr) sollte der Kopf in einer Neutralposition gelagert werden. Bei älteren Kindern muss der Kopf leicht überstreckt und das Kinn angehoben werden.

Atemspende bei Kindern

Legen Sie Ihre Lippen um den Mund des Kindes und atmen Sie etwa eine Sekunde lang gleichmäßig und kräftig ein. Drücken Sie dabei die Nase des Kindes sanft mit Zeige- und Daumen zu. Die Atemspende ist korrekt, wenn sich der Brustkorb sichtbar hebt. Nach jeder Atemspende warten Sie, bis sich der Brustkorb gesenkt hat.

Herzdruckmassage bei Kindern

Für die Herzdruckmassage bei Kindern (älter als ein Jahr, aber noch nicht im Pubertätsalter oder unter 55 kg Körpergewicht) wird der Ballen einer oder beider Hände auf die Mitte des Brustkorbs (unteres Drittel des Brustbeins) platziert. Der Brustkorb sollte etwa ein Drittel bis zur Hälfte (ca. 5 cm) tief nach unten gedrückt werden. Achten Sie darauf, dass die Finger nicht auf der Brust liegen. Die Kompressionsrate sollte 100- bis 120-mal pro Minute betragen. Die Arme sollten gerade gehalten und der Druck nach unten ausgeübt werden, gefolgt von einer vollständigen Entlastung, ohne den Kontakt zum Brustkorb zu verlieren.

Illustration der Handposition für die Herzdruckmassage bei einem Kind

Besonderheiten der Reanimation bei Neugeborenen

Die Reanimation von Neugeborenen, insbesondere unmittelbar nach der Geburt, erfordert spezifische Kenntnisse. Die meisten Neugeborenenreanimationen sind auf respiratorische Ursachen zurückzuführen, weshalb eine suffiziente Beatmung entscheidend ist.

Ablauf der Neugeborenen-Reanimation (im Kreißsaal):

  1. Vorbereitung bei laufender Geburt: Hilfe anfordern, Teambriefing, Equipment vorbereiten, Raum vorwärmen.
  2. Geburt: Kind abtrocknen, in warme Tücher wickeln, Zeit notieren. Mutter parallel versorgen.
  3. Evaluation: Kind schlaff, blass, "leblos"? Stimulieren, Atemwege freimachen, 5 "Blähmanöver" (2-3 Sek. mit dichter Maske, Raumluft). Abnabeln nach ca. 60 Sek.
  4. Reevaluation: Herzfrequenz > 60/min? Brustkorb hebt sich? Wenn nicht: Lagerung optimieren, ggf. Atemwege absaugen, 30 Sek. mit 30/min beatmen (15 Hübe). Monitoring (Pulsoxymetrie, EKG).
  5. Weitere Reevaluation: Herzfrequenz weiter < 60/min? → Reanimation 3:1 (3x Thoraxkompression, 1x Beatmung).

Atemwege und Beatmung bei Neugeborenen

Die Kopfhaltung sollte in Neutralposition erfolgen, oft mit einer leichten Erhöhung (ca. 2 cm) unter den Schultern. Die initialen Beatmungen ("Blähmanöver") erfolgen mit Raumluft. Bei anhaltender insuffizienter Atmung wird über 30 Sekunden mit einer Frequenz von 30/min beatmet (15 Hübe). Der Fokus liegt auf der Maskenbeatmung (2-Helfer-Methode). Eine Larynxmaske kann erwogen werden. Die endotracheale Intubation sollte nur durch geübte Anwender erfolgen.

Kreislaufmanagement und Monitoring bei Neugeborenen

Thoraxkompressionen werden erst nach ausreichender Belüftung der Lungen durchgeführt, solange die Herzfrequenz unter 60/min liegt. Die Kompressionen erfolgen im Verhältnis 3:1 zur Beatmung mit einer Frequenz von ca. 120/min (90 Kompressionen, 30 Beatmungen pro Minute). Die Herzfrequenz muss mittels EKG überwacht werden.

Schema der Neugeborenen-Reanimation im Kreißsaal

Medikamente und Dosierungen

Die Dosierung von Medikamenten wie Adrenalin und Amiodaron ist alters- und gewichtsabhängig. Es sind spezielle Kindertabellen und Hilfsmittel zur Dosierung verfügbar.

Beispiele für Dosierungen (Säugling bis 1 Jahr):

  • Adrenalin i.v./i.o.: 0,01 mg/kg (Verdünnung 1mg + 9ml NaCl)
  • Amiodaron i.v./i.o.: 5 mg/kg (Verdünnung 50mg/ml unverdünnt)
  • Defibrillation: 4 J/kg

Die Aufziehanleitung für Medikamente erfolgt oft mittels einer Insulinspritze, wobei ein "Teilstrich" 0,1 ml entspricht und 1 kg Körpergewicht repräsentiert.

Häufigste Ursachen und Fehler bei der Kinderreanimation

Die häufigsten Ursachen für einen Kreislaufstillstand bei Kindern sind Hypoxie und Hypovolämie. Häufige Fehler bei der Kinderreanimation sind zu lange Pausen bei der Thoraxkompression, zu schnelle oder flache Kompressionen sowie ein übermäßiger Fokus auf die Intubation anstelle von guter Oxygenierung.

Advanced Life Support (ALS) - Erweiterte Reanimationsmaßnahmen | E-Learning Fortbildung

Erste-Hilfe-Kurse und Weiterbildung

Die Reanimation von Säuglingen und Kindern sowie zahlreiche Tipps und Tricks zur Ersten Hilfe können in einem Erste-Hilfe-Kurs erlernt werden. Gerade für werdende Eltern kann ein solcher Kurs ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Regelmäßige Auffrischungskurse werden empfohlen, um die Fähigkeiten aufzufrischen und Sicherheit im Ernstfall zu gewinnen.

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