Entwicklung von Babys und Kleinkindern

Die menschliche Entwicklung beginnt bereits im Mutterleib. Dort werden während der Schwangerschaft Sinne ausgebildet und die ersten Erfahrungen gesammelt. So reagieren Föten auf Berührungen, Bewegungen und Temperaturschwankungen. Aufgrund der Schwerelosigkeit, die im Fruchtwasser herrscht, trainieren Föten schon früh das Treten, Paddeln und auch Laufen. So werden die Grundlagen für die Motorik eingeübt. Auch das Gehör wird bereits vor der Geburt ausgebildet und auf ein Leben außerhalb der Gebärmutter vorbereitet. Denn im Mutterleib ist es keineswegs still. Verdauungsgeräusche und Herzschlag der Mutter sorgen für einen steten Geräuschpegel, und auch die Stimme der Mutter ist ständig präsent. Doch nicht nur Stimmen, auch Inhalte können unterschieden werden. So lasen in einem Experiment werdende Mütter ihren ungeborenen Kindern in den letzten sechs Schwangerschaftswochen zweimal täglich dieselbe Geschichte vor. Nach der Geburt wurde den Säuglingen diese sowie eine unbekannte Geschichte vorgelesen.

Schema der Entwicklung von Sinnesorganen im Mutterleib

Die Förderung der kindlichen Fähigkeiten ist vor der Geburt lediglich durch Unterlassen möglich: Alkohol, Nikotin, Drogen und viele Medikamente schaden nachweislich der geistigen und körperlichen Entwicklung und sollten von der Mutter unbedingt vermieden werden. Aktive Förderung bewirkt nach aktuellem Forschungsstand nichts. Modelle der vorgeburtlichen Förderung, wo das Kind speziellen Lichtreizen, Klang- oder Wortbausteinen ausgesetzt wird, werden von allen seriösen Wissenschaftlern abgelehnt. Auch ohne Hilfe lernen Kinder im Mutterleib alles, was sie später brauchen.

Die ersten Lebensjahre: Rasanter Fortschritt

Auch direkt nach der Geburt ist der emotionale Zustand der Bezugspersonen äußerst wichtig. Das Gehirn eines Kindes, das sich geborgen und geliebt fühlt, kann sich besser entwickeln als das eines Kindes, das viel Stress, Hektik und Angst erlebt und in einem negativen Umfeld aufwächst. Und zu lernen gibt es ab der Geburt jede Menge. Das Gehirn ist bei der Geburt fast vollständig ausgereift, allerdings sind seine Zellen noch nicht miteinander verknüpft. Das geschieht von ganz alleine; Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut nehmen Unmengen an Sinneseindrücken auf, die es zu verarbeiten gilt.

Anfangs bestimmen noch viele Reflexe das Verhalten des Kindes. Wenn es auf dem Bauch liegt, dreht es automatisch den Kopf, um besser atmen zu können. Sobald man den Mund eines hungrigen Babys berührt, schließt es die Lippen und fängt an zu saugen - der Saugreflex. Auch der Greifreflex an Händen und Zehen ist sehr stark ausgeprägt, die Babys sind sogar in der Lage, ihr eigenes Körpergewicht für einige Sekunden zu halten. Wenn viel Wasser auf die Wangen und ins Gesicht eines Babys gelangt, schließt es automatisch die Atemwege, um diese zu schützen. Und wenn man ein Baby aufrecht stellt und so festhält, dass es mit den Füßen den Boden berührt, wird es anfangen zu laufen. Viele dieser Reflexe, die ihren Ursprung in der Frühzeit der menschlichen Evolution haben, verlieren sich nach ein paar Monaten, wenn sie nicht gebraucht werden. Man kann sie allerdings auch trainieren.

Illustration verschiedener Reflexe bei Neugeborenen

Motorische Entwicklung: Vom Reflex zum eigenständigen Laufen

Während sich ein Kind in der Schwerelosigkeit des Mutterleibs schon sehr vielseitig bewegen kann, wird es durch die Schwerkraft, die nach der Geburt wirkt, zu einem äußerst hilfsbedürftigen Wesen. Gezielt zu greifen beginnt es erst mit vier bis fünf Monaten, weitere vier bis fünf Monate später beginnt die Fortbewegung. Es gibt große Unterschiede beim Alter, in dem Kinder motorische Fähigkeiten beherrschen. Manche (wenige) Kinder können schon mit einem dreiviertel Jahr laufen, während andere mit 20 Monaten noch keinen Schritt getan haben. Viele Eltern sorgen sich wegen dieser angeblichen Entwicklungsrückstände und sie fragen sich, wie sie ihr Kind etwa zum Laufen animieren können. Doch alle Versuche sind vergeblich: Die Entwicklung der Motorik ist ein Reifungsprozess, der nach physiologischen Gesetzen abläuft und so gut wie gar nicht von außen beeinflusst werden kann.

Es gibt jedoch Studien, die auf kulturelle Unterschiede schließen lassen. So können Kinder aus traditionellen asiatischen und afrikanischen Kulturen ungefähr einen Monat früher frei sitzen und laufen. Als Begründung sehen manche Wissenschaftler einen unterschiedlichen Umgang in Sachen Körperlichkeit. Asiatische und afrikanische Kinder werden öfter getragen und mehr berührt, was die Körperkontrolle und Wahrnehmung fördern kann. Die weitere motorische Entwicklung kann allerdings durch Umwelt und Erziehungsstil der Eltern geprägt werden. Ein Kind, das viel im Freien, auf Spielplätzen und in der Natur spielt, entwickelt ein anderes Körpergefühl und ein anderes motorisches Geschick als Kinder, die sich (fast) nur in einer Wohnung aufhalten.

Geistige Entwicklung: Die Entdeckung des "Ich" und der Sprache

Die geistige Entwicklung geht in den ersten Lebensjahren rasant voran. Ein Indikator dafür ist die Sprache des Kindes, die die Entwicklung mit Verzögerung abbildet: Das Kind entwickelt eine Vorstellung von einer Person, einem Gegenstand oder einem Sachverhalt, dann versteht es das Wort, das die Vorstellung bezeichnet, und schließlich benutzt es den Begriff selbst und spricht das Wort aus. Ein großer Schritt findet um den 18. Lebensmonat herum statt, den man mit einem kleinen Experiment leicht nachvollziehen kann: Man malt seinem Kind unbemerkt, etwa beim Streicheln, mit Farbe oder Lippenstift einen Punkt auf die Stirn oder Wange und setzt es dann vor den Spiegel. Wenn es nicht den Spiegel anfasst, sondern sich selbst ins Gesicht fasst, ist klar: Das Kind hat das Ich entdeckt.

Genau wie bei den motorischen Grundlagen gilt auch für die geistige Entwicklung von Kleinkindern: Es passiert, wenn es passiert. Die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, sind eher gering. Solange die Umgebung kindgerecht ist und keine Behinderungen oder Krankheiten die Entwicklung beeinflussen, kommen alle Kinder früher oder später auf den gleichen Reifestand. Bis zum Alter von etwa drei Jahren gleichen sich die Entwicklungsunterschiede immer mehr an, sodass alle mehr oder weniger auf dem gleichen motorischen und geistigen Niveau sind.

Infografik zur Entwicklung der Sprache bei Kleinkindern

Spielerisches Lernen und soziale Entfaltung

Viele grundlegende Fähigkeiten, die Babys und Kleinkinder ab einem bestimmten Zeitpunkt beherrschen, erlernen sie von alleine. Fördernde Eingriffe von außen sind meist nicht nötig; eine Umwelt, in der gesprochen wird und Platz ist, um sich zu bewegen, reicht dazu vollkommen aus. Doch die menschliche Entwicklung läuft zweigleisig. Neben der Reifung kommt die Entwicklung zum Tragen, die abhängig von Erfahrungen ist. Die sorgt dafür, dass sich Kinder in ihrer jeweiligen Umgebung zurechtfinden. Geografisch - von der Wüste bis zur Arktis. Kulturell - vom Kind südamerikanischer Maisbauern bis zum Sprössling japanischer Computer-Experten. Und auch sozial - als Einzelkind in einer Millionärsfamilie oder als sechster Sohn einer Alleinerziehenden ohne Arbeit.

Sich und ihre Umwelt zu entdecken, ist für Babys spannend genug. Sie brauchen normalerweise kein Lernprogramm, um ihre Fähigkeiten zu entfalten. Allerdings bedeutet das nicht, dass man sich nicht auf verschiedene Arten mit seinem Kind beschäftigen sollte. Die Wirkung solcher Kurse ist eher gering: Auch ohne PEKiP lernen Kinder krabbeln und laufen. Und durch einen dreiwöchigen Urlaub am Meer kann ein vorher wasserscheues Grundschulkind auf dasselbe Schwimmniveau kommen wie sein Klassenkamerad, der seit dem dritten Lebensmonat jeden Samstagmorgen im Becken verbringt. Problematisch wird es, wenn in solchen Kursen Konkurrenz unter den Eltern herrscht oder Druck aufgebaut wird - ob bewusst oder unbewusst. Wer kann sich schon alleine umdrehen? Wer macht die ersten Schritte?

Soziale Interaktion: Vom Nebeneinander zum Miteinander

Umgang und Nähe zu Gleichaltrigen spielen anfangs keine Rolle. Im ersten Lebensjahr interessiert sich ein Baby nicht für andere Babys. Es schließt keine Freundschaften und braucht auch keine anderen Säuglinge, um Sozialverhalten zu erproben oder sich Fähigkeiten abzuschauen. Die Eltern genügen ihm vollkommen als Bezugsperson. Auch im zweiten Lebensjahr beschränkt sich der Kontakt zu anderen Kindern auf das Nebeneinander-Spielen und gelegentliches Auch-Haben-Wollen.

Für Kleinkinder gilt noch mehr als für Jugendliche und Erwachsene: Lernen muss Spaß machen. Wenn Tätigkeiten und Erlebnisse mit positiven Erinnerungen verbunden sind, prägen sie sich leichter ein. Eltern sollten stark auf die Interessen und Vorlieben ihres Kindes eingehen. Generell sollte man im Kindergartenalter vorsichtig sein, das Kind mit Frühförderkursen zu überfordern. Kinderpsychologen betonen immer wieder, dass vor allem in diesem Alter die Grundlage für das soziale Miteinander und die Persönlichkeitsentwicklung gelegt wird. Kindergartenkinder schärfen ihre Sinne, entdecken ihren Körper und ihre Gefühle, erfahren die Umwelt und müssen lernen, sich in einer Gruppe zurechtzufinden.

Illustration von Kindern, die nebeneinander spielen

Fremdsprachen und frühe Bildung: Eine Debatte

Gerade das Thema Fremdsprachen im Vorschulalter wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Es ist zwar wissenschaftlich erwiesen, dass es Kindern in diesem Alter besonders leichtfällt, eine Fremdsprache zu lernen. Dafür muss diese allerdings ständig präsent sein und das Kind auch emotional packen. Bei Eltern mit zwei verschiedenen Muttersprachen, die konsequent in einer Sprache mit ihrem Kind reden, klappt das sehr gut. Selbst ein zweisprachiger Kindergarten, in dem eine Erzieherin konsequent Englisch redet, kann keinen sprachlichen Lernerfolg garantieren. Wenn Englisch als aktive Sprache zu Hause nicht präsent ist, wird das Gelernte schnell wieder vergessen. Auch Lesen, Schreiben und Rechnen gehören nach Meinung vieler Kinderpädagogen nicht ins ständige Programm der Kindergärten, sondern sollten der Schule vorbehalten bleiben. Langfristig gesehen macht es keinen Unterschied, ob ein Kind diese Fähigkeiten mit fünf oder mit sieben Jahren erlernt.

Lernen von Älteren und die Bedeutung altersgemischter Gruppen

Untersuchungen zeigen, dass Kinder besonders gut von älteren Kindern lernen und ihnen so das soziale Rüstzeug vermittelt wird. So haben Psychologen beobachtet, dass ältere Kinder, die mit jüngeren spielen, unbewusst "Entwicklungsbrücken" bauen. Die Jüngeren müssen sich körperlich, emotional und mental "recken und strecken", um diese zu bewältigen. Und auch die älteren Kinder profitieren vom Spiel mit Jüngeren. Besonders geeignet zur kindlichen Entwicklung erscheinen Psychologen und Pädagogen altersgemischte Kindergruppen. Ein Kind kann dort verschiedene soziale Rollen annehmen: Vom Neuling, der zu den Kleinsten und Schwächsten gehört, wird es im Laufe der Zeit automatisch zum Größeren und Klügeren. Im Gegensatz dazu sind gleichaltrige Gruppen eher statisch.

Wie Freundschaften die Entwicklung von Kindern prägen - KIDS | Doku HD | ARTE

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