ASS 100 mg bei Kinderwunsch: Eine detaillierte Betrachtung

Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS), oft unter dem Markennamen Aspirin bekannt, ist ein weit verbreitetes Medikament, das sowohl schmerzlindernde als auch blutverdünnende Eigenschaften besitzt. Während ASS in höheren Dosen als Schmerzmittel eingesetzt wird, findet es in niedriger Dosierung (bis maximal 300 mg pro Tag) breite Anwendung in der Langzeittherapie und Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten und embolischen Ereignissen. Diese blutverdünnende Wirkung beruht auf der Hemmung der Synthese von Thromboxan A2 und Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren, was die Thrombozytenaggregation reduziert.

Indikationen für ASS als Thrombozytenaggregationshemmer

Die Anwendung von ASS zur Hemmung der Blutgerinnung erstreckt sich auf verschiedene Bereiche:

  • Sekundärprävention und Rezidivprophylaxe von Herzinfarkten.
  • Prävention und Behandlung der Koronaren Herzkrankheit.
  • Behandlung des Akuten Koronarsyndroms.
  • Sekundärprävention von ischämischen Schlaganfällen.
  • Prävention von Gefäßverschlüssen bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit.
  • Prophylaxe arterieller Thrombosen nach gefäßchirurgischen Eingriffen.

Schema zur Wirkung von ASS auf die Blutgerinnung

ASS in der Kinderwunschbehandlung: Ein kontroverses Thema

Der unerfüllte Kinderwunsch stellt für viele Paare eine erhebliche Belastung dar. In diesem Kontext wird immer wieder die Anwendung von niedrig dosiertem Aspirin, oft als "Baby Aspirin" oder Aspirin Cardio bezeichnet, diskutiert. Studien wie die "EAGeR"-Studie (Effects of Aspirin in Gestation and Reproduction) untersuchten den Einfluss von niedrig dosiertem Aspirin (typischerweise 81 mg oder 100 mg) auf die Empfängnisfähigkeit und den Erhalt der Schwangerschaft. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ASS in bestimmten Fällen die Durchblutung verbessern und Entzündungen reduzieren kann, was potenziell die Empfängnis und die Einnistung des Embryos unterstützen könnte.

Ein Mechanismus, der hierbei vermutet wird, ist die Verhinderung von Mikrothrombosen an der Einnistungsstelle. Die Erkenntnis, dass bereits 100 mg Aspirin täglich die Durchblutung der Gebärmutter und den Aufbau der Schleimhaut verbessern können, ist nicht neu. Diese niedrig dosierte Behandlung wird auch zur Therapie der Präeklampsie, einer gefürchteten Schwangerschaftskomplikation, eingesetzt.

Studienlage und Empfehlungen

Die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit von ASS bei Kinderwunsch ist jedoch nicht eindeutig. Während einige Studien auf positive Effekte, insbesondere bei Frauen mit einer Vorgeschichte von wiederholten Fehlgeburten, hinweisen, sehen andere Kliniken keinen zusätzlichen Nutzen und haben die generelle Abgabe von ASS im Rahmen von Kinderwunschbehandlungen gestoppt. Kritiker weisen auf mögliche Nebenwirkungen wie Blutungen und Magenbeschwerden bei Langzeiteinnahme hin und betonen, dass ASS nicht generell zur Verhinderung wiederholter Fehlgeburten empfohlen wird.

Einige Reproduktionsmediziner, wie Professor Richard Paulson, empfehlen Frauen mit Kinderwunsch dennoch, mit Aspirin 100 mg (oder 81 mg in den USA) zu beginnen, sofern keine Allergien oder Magenbeschwerden vorliegen. Seine Empfehlung basiert unter anderem auf Studien, die zeigten, dass die Rate an erfolgreichen Schwangerschaften in der Aspirin-Gruppe höher war als in der Placebo-Gruppe. Insbesondere Frauen, die bereits eine Fehlgeburt vor der 20. Schwangerschaftswoche erlitten haben, könnten von ASS profitieren, vor allem wenn leichte Entzündungszeichen vorliegen.

Aktuelle Veröffentlichungen aus dem Jahr 2021, die die Daten von 1200 Frauen analysierten, legen nahe, dass Frauen mit 1-2 Fehlgeburten von der Einnahme profitieren könnten, vorausgesetzt, die Einnahmetreue ist hoch (mindestens an fünf Tagen pro Woche, beginnend vor der Empfängnis bis zur 36. Schwangerschaftswoche). Wurde ASS erst später eingenommen oder seltener, ließ sich die schützende Wirkung nicht mehr signifikant nachweisen.

Trotz der unklaren Datenlage empfehlen viele Kinderwunschkliniken ASS prophylaktisch, oft ab Zyklusbeginn, außer bei IVF/ICSI, wo es wegen des erhöhten Blutungsrisikos erst nach der Punktion eingesetzt wird.

Infografik: Mögliche Wirkmechanismen von ASS bei Kinderwunsch

ASS in der Schwangerschaft

Die Anwendung von ASS während der Schwangerschaft ist differenziert zu betrachten und sollte stets ärztlich begleitet werden.

ASS im 1. Trimester

Im ersten und zweiten Trimester gilt ASS bei Schmerzen und Fieber als Mittel der zweiten Wahl, wobei Paracetamol oft als Mittel der ersten Wahl bevorzugt wird. In geringer Dosierung (typischerweise 150 mg ASS täglich) kann es zur Prophylaxe bei hohem Risiko einer Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie) eingesetzt werden. Diese Einnahme sollte frühestmöglich beginnen, spätestens in der 16. Schwangerschaftswoche.

ASS im 2. Trimester

Im zweiten Trimester (13. bis 27. Schwangerschaftswoche) kann ASS gegen Schmerzen und Fieber in Einzeldosierungen bis 1.000 mg eingenommen werden, wenn Paracetamol kontraindiziert ist oder keine ausreichende Wirkung zeigt. Geringe Dosen zur Prophylaxe einer Präeklampsie sind vertretbar, sollten aber nur bei Vorliegen eines erhöhten Risikos angewendet werden. Die Hemmung der Prostaglandinsynthese kann potenziell die Kontraktilität des Uterus beeinflussen und die Schwangerschaftsdauer sowie den Geburtsvorgang verlängern.

ASS im 3. Trimester

Für ASS besteht im dritten Trimester, ab der 28. Schwangerschaftswoche, grundsätzlich eine Kontraindikation. Die Hemmung der Prostaglandinsynthese kann zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus führen, was pulmonale Hypertonie oder renale Dysfunktionen beim Fötus zur Folge haben kann. Eine Ausnahme bildet die niedrigdosierte Therapie (z. B. 100 mg ASS täglich) zur Prophylaxe von Präeklampsie. Diese Therapie kann im dritten Trimester fortgeführt werden, sollte jedoch zwischen der 34. und 36. Schwangerschaftswoche beendet werden, um negative Auswirkungen auf die Geburt durch die blutverdünnende Wirkung zu vermeiden.

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ASS und Stillzeit

Acetylsalicylsäure wird im Körper zu Salicylsäure umgewandelt, die in die Muttermilch übergeht. Nachteilige Auswirkungen auf den Säugling sind bisher nicht in größerem Umfang bekannt. Dennoch sollte auf die regelmäßige Einnahme höherer Dosen (über 300 mg täglich) während der Stillzeit verzichtet werden. Bei unumgänglicher längerer Einnahme höherer Dosen wird vorsorglich zum Abstillen geraten. Gelegentliche Einnahmen höherer Dosen (bis zu 1.500 mg am Tag) gelten als vertretbar, wobei Paracetamol und Ibuprofen als Schmerzmittel bevorzugt werden sollten. Niedrigdosierte Anwendungen zur Thrombozytenaggregationshemmung erscheinen unproblematisch.

Formen und Darreichungsformen von ASS

ASS ist in verschiedenen Darreichungsformen rezeptfrei in Apotheken erhältlich. Dazu gehören:

  • ASS Tabletten
  • ASS magensaftresistente Tabletten
  • ASS Brausetabletten
  • ASS Kautabletten
  • ASS Granulat zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen
  • ASS Retardkapseln

Niedrigdosierte Arzneimittel mit ASS zur Blutverdünnung tragen oft den Namenszusatz "TAH" (Thrombozytenaggregationshemmer).

Wichtige Hinweise zur Einnahme von ASS

Es ist essenziell, die Einnahme von ASS stets mit einem Arzt oder Apotheker abzusprechen. Dies gilt insbesondere, wenn weitere Medikamente eingenommen werden, da Wechselwirkungen auftreten können, die das Blutungsrisiko erhöhen oder die Wirksamkeit von Medikamenten beeinträchtigen. Der Konsum von Alkohol sollte während einer ASS-Therapie vermieden werden, da er Nebenwirkungen begünstigen oder Wechselwirkungen verursachen kann.

Bei Kindern und Jugendlichen sollte ASS nur auf ärztliche Anweisung angewendet werden, da das seltene, aber lebensbedrohliche Reye-Syndrom auftreten kann. Bei anstehenden Operationen oder Eingriffen am Gefäßsystem ist eine ärztliche Abklärung der ASS-Einnahme unerlässlich.

Das sogenannte ASS-Intoleranz-Syndrom beschreibt eine Überempfindlichkeit gegenüber ASS und anderen NSAR, die mit Asthma und Nasenpolypen assoziiert sein kann. Anzeichen einer Überdosierung können Tinnitus (Ohrensausen), Hörverlust, Sehstörungen, Verwirrung und Somnolenz sein.

Fazit zur Anwendung von ASS 100 mg bei Kinderwunsch

Die Anwendung von ASS 100 mg bei Kinderwunsch ist ein Thema, das weiterhin kontrovers diskutiert wird. Während einige Studien und Mediziner positive Effekte, insbesondere bei Frauen mit wiederholten Fehlgeburten, sehen und die Einnahme empfehlen, betonen andere die unklare Datenlage und mögliche Risiken. Für Frauen mit einem Kinderwunsch, insbesondere mit einer Vorgeschichte von Fehlgeburten oder erhöhtem Präeklampsie-Risiko, ist ein offenes Gespräch mit dem behandelnden Arzt unerlässlich. Die eigenmächtige Einnahme ohne ärztliche Rücksprache wird dringend abgeraten.

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