Der Fruchtbare Halbmond: Eine Region im Wandel der Zeiten

Arte-Serie "Fertile Crescent" im Fokus

Die von Arte und Hulu koproduzierte Serie "Fertile Crescent" (Fruchtbarer Halbmond) beleuchtet den Syrienkrieg aus verschiedenen Perspektiven, ohne eine eindeutige Parteinahme zu zeigen. Die Handlung konzentriert sich auf die persönlichen Schicksale von Charakteren, die sich den Kriegsparteien auf beiden Seiten anschließen. Dabei wird auf gesellschaftliche, politische und weltanschauliche Hintergründe weitgehend verzichtet, was von einigen Kritikern als Verharmlosung des faschistischen Charakters des IS betrachtet wird.

Die Filme zeichnen sich durch eine hohe Authentizität aus, die durch die durchgängige Mehrsprachigkeit (Französisch, Englisch, Arabisch und Kurdisch mit deutschem Untertitel) verstärkt wird. Handlung und Regie sind komplex, einfühlsam und oft äußerst brutal, jedoch ohne reißerisch zu wirken. Zahlreiche Rückblenden ermöglichen einen tiefen Einblick in die Entwicklungsgeschichte der einzelnen Protagonisten.

Die deutsche Erstausstrahlung der Serie erfolgte ab dem 17. September. Die Ausstrahlung der Teile eins bis drei fand am 26. November bei Arte statt, gefolgt von den Teilen drei bis sechs am 3. Dezember und den Teilen sieben und acht am 10. Dezember. Die Serie war zudem bis zum 30. September auf Arte verfügbar.

Schema der Ausstrahlungstermine der Serie

Handlung und Charaktere

Die Serie spielt hauptsächlich im Jahr 2014, ergänzt durch Rückblenden, die frühere Ereignisse beleuchten. Im Zentrum steht Antoine, ein Bauingenieur und werdender Familienvater, der nach seiner entfremdeten, vermeintlich toten Schwester Anna sucht. Seine Suche führt ihn zu einer Gruppe kurdischer Kämpferinnen, den YPJ, denen er sich anschließt, um in von ISIS besetztes Gebiet vorzudringen. Auf seiner Reise begegnet er einer Vielzahl von Charakteren, darunter Abenteurer, Anarchisten, Spione und unschuldige Opfer des Krieges.

Anna, die als Archäologin in Ägypten tätig war, bricht den Kontakt zu ihrer Familie ab. Ein mysteriöser Mitarbeiter einer NGO namens Stanley kontaktiert sie und bittet um Hilfe bei der Ausreise einer iranischen Bürgerrechtlerin. Anna rekrutiert eine junge Iranerin, die ihr bei dieser Mission hilft. Ein Anschlag des Mossad führt zum Tod mehrerer Wissenschaftler und unbeteiligter Personen, wodurch auch Anna um ihr Leben fürchten muss. Ihr Tod wird schließlich durch einen Bombenanschlag des iranischen Geheimdienstes perfekt inszeniert.

Parallel dazu werden die Ereignisse aus der Sicht dreier junger IS-Kämpfer aus England geschildert. Auch hier gelingt es dem Agenten Stanley, einen seiner Kontakte zu rekrutieren. Antoine wird auf seiner Suche nach Anna von den YPJ zunächst gefangen genommen und enttäuscht. Trotz anfänglichen Misstrauens schließt er sich den YPG-Kämpferinnen an und trifft schließlich auf seine Schwester Anna, die als Anführerin der YPJ kein Interesse an einer Rückkehr in ihr altes Leben hat.

Parallel entwickelt sich eine Beziehung zwischen Antoine und der jungen, in Frankreich aufgewachsenen Kämpferin und Anführerin Sarya. Sarya wird bei einem IS-Angriff lebensbedrohlich verletzt und muss zur Behandlung in ein westliches Krankenhaus ausgeflogen werden. Am Flughafen warten Antoines Eltern, doch er verrät ihnen zunächst nicht, dass Anna noch lebt. Ob Antoine zu seiner Ehefrau zurückkehren wird, bleibt offen.

Illustration von Antoine bei seiner Suche nach Anna im Syrienkrieg

Besonderheiten der Serie

Eine Besonderheit der Serie ist die Verwendung authentischer Originaltöne in verschiedenen Sprachen, was die Sprachbarrieren und die daraus resultierenden Missverständnisse eindrücklich verdeutlicht. Dies verstärkt den Eindruck der Fremdheit der westlichen Akteure in ihrem arabisch-kurdischen Umfeld und zeigt dem Zuschauer, wie schwierig es sein kann, sich nicht verständigen zu können. Antoine muss beispielsweise erst einige Brocken Kurdisch lernen, um einfache Hinweise zu verstehen.

Die Kampfszenen heben sich durch ihre Kürze und Schärfe vom US-amerikanischen Kino ab. Die Serie entwickelt sich schnell von einem Familiendrama zu einem Spionage- und Kriegsdrama, wobei die persönliche Geschichte zu einem umfassenden, aber dennoch stets persönlichen Porträt des Krieges wird, das von einzelnen Menschen erfahrbar bleibt.

Die Serie wurde für den internationalen Wettbewerb bei Séries Mania 2020 nominiert und ist eine Koproduktion von Masha Productions, Spiro Films, Haut et Court TV, Arte France und Fremantle.

Der Fruchtbare Halbmond in der Archäologie und Geschichte

Der Begriff "Fruchtbarer Halbmond" bezeichnet ein Gebiet, das sich von der östlichen Mittelmeerküste über Anatolien bis in den heutigen Iran erstreckt. Vor etwa 10.000 Jahren begann hier die "neolithische Revolution", bei der sich nomadische Jäger und Sammler zu den ersten Ackerbauern und Viehzüchtern entwickelten.

Aktuelle Forschungen, basierend auf der Analyse der DNA von 44 Menschen aus dem Zeitraum von 14.000 bis 3.500 Jahren vor Christus, deuten darauf hin, dass die neolithische Revolution im Fruchtbaren Halbmond gleich zweimal stattgefunden hat. Deutliche genetische Unterschiede zwischen den Bewohnern der südlichen Levante und denen des Zagros-Gebirges im heutigen Iran legen nahe, dass es zwei unabhängige Zentren der Landwirtschaftsentwicklung gab.

Die Bauern im Zagros-Gebirge domestizierten Ziegen und bauten Emmer an, während die Menschen in der Levante Gerste und Weizen anbauten. Erst mit der Ausbreitung des Ackerbaus aus Anatolien vermischten sich diese beiden Traditionen zu einer einzigen.

Karte des Fruchtbaren Halbmonds mit den Zentren der neolithischen Revolution

Die Bedeutung von Wasser und Landwirtschaft in Mesopotamien

Die Bilder von Sandstürmen im heutigen Irak stehen im Kontrast zu den Berichten über das einst überquellende Zweistromland der Antike. Der Fruchtbare Halbmond war maßgeblich durch die Notwendigkeit der Bewässerung geprägt, die das Entstehen uralter Kulturen ermöglichte, aber auch auf harsche Klimabedingungen hinwies.

Besonders das Gebiet am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris im Süden des Iraks, bei Basra, war durch Wasser im Übermaß gekennzeichnet und bildete eine ausgedehnte Marschlandschaft. Dieses einzigartige Ökosystem, das Lebensraum für zahlreiche Tierarten und Brutstätte für Millionen von Vögeln war, diente auch als natürliche Filter für Flusswasser.

In jüngerer Zeit ist dieses Marschland jedoch drastisch geschrumpft. Ursachen hierfür sind der Bau zahlreicher Staudämme in der Türkei, Syrien und im Irak, die den Wasserfluss in den Oberläufen reduzieren, sowie die gezielte Umleitung von Wasser durch Saddam Hussein nach dem Golfkrieg 1991. Diese Maßnahme diente offiziell der Bewässerung, wurde aber von Beobachtern als brutale Vertreibungspolitik gegen die angestammte schiitische Bevölkerung interpretiert, die ihre Lebensgrundlage verlor.

Vergleich von Satellitenbildern, die den Rückgang des Marschlandes im Irak zeigen

Umweltwissenschaftler fordern eine konzertierte Aktion zur Renaturierung des Marschlandes, die nach Kriegsende anlaufen und die Wiederherstellung des Wasserflusses durch alle Anrainerstaaten beinhalten müsste.

Al-Andalus: Ein Schmelztiegel der Kulturen

Der Begriff "Al-Andalus" bezeichnet die von nordafrikanischen Eroberern benannte Iberische Halbinsel. Die Epoche der muslimischen Herrschaft gilt für die einen als Paradebeispiel für ein fruchtbares Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen, während sie von anderen als Zeit der Fremdherrschaft betrachtet wird, die mit Gewalt beendet werden musste.

Der Historiker Américo Castro prägte den Begriff "Convivencia" (Koexistenz) für das mittelalterliche Spanien, eine Zeit, in der Kunst und Wissenschaft florierten. Die muslimischen Herrscher brachten nicht nur kulturelle Errungenschaften wie Aprikosen und die arabischen Ziffern, sondern legten nach Castros Ansicht auch den Grundstein für die moderne spanische Identität.

Kritiker der Epoche, die oft als "Goldenes Zeitalter" stilisiert wird, sehen die Muslime als Fremde, die vertrieben werden mussten. Bis heute wird der 2. Januar in konservativen Kreisen als Tag der Reconquista gefeiert, an dem die letzte Bastion der Muslime in Europa, das Emirat Granada, fiel.

Die Errichtung der Großen Moschee in Granada, des ersten islamischen Gotteshauses seit 1492, wurde zu einem Politikum. Der Bau des vier Millionen Euro teuren Gebäudes war von zahlreichen Hürden begleitet und stieß auf rassistische und islamfeindliche Hetze.

Architektonische Details der Alhambra in Granada

Die Verdrängung der Muslime nach der Reconquista war laut dem Historiker Stef Keris essenziell für die Identitätsbildung der Spanischen Nation. Die spanischen Könige strebten nach einer christlichen Herrschaft, deren erstes Opfer die "Convivencia" war. Mit der Unterzeichnung des Alhambra-Edikts wurden 1492 alle Juden vertrieben, und kurz darauf segelte Christoph Kolumbus Richtung Westen.

Die gesetzliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft im Jahr 1992 durch die sozialdemokratische Regierung markierte einen wichtigen Schritt zur Gleichstellung. Mittlerweile gibt es landesweit 1.200 Moscheen für rund zwei Millionen Muslime in Spanien.

Trotz dieser Fortschritte spitzt sich die gesellschaftliche Debatte vor allem im Süden des Landes zu. Soziologen beobachten Ängste vor einem möglichen Wiedererstarken des Einflusses, den Muslime im mittelalterlichen Spanien hatten. Die Vorbehalte werden auch als Produkt einer eurozentrischen Sicht auf die eigene Vergangenheit betrachtet, die den kulturellen Reichtum Spaniens, der aus der Ära Al-Andalus stammt, vernachlässigt.

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