Die nächtliche Betreuung eines Säuglings stellt für viele junge Eltern eine große Herausforderung dar. Eine Stillbeziehung profitiert vom gemeinsamen Schlafen, viel Nähe und uneingeschränktem nächtlichen Stillen. Die differenzierte Kommunikation zwischen Mutter und Baby wird ebenso gefördert wie das physiologische Schlafverhalten. Die vor allem in westlichen Ländern verbreitete Vorstellung, dass Babys bereits mit wenigen Monaten "durchschlafen" sollen oder dass die Selbständigkeitsentwicklung gefördert wird, wenn Babys ohne Unterstützung durch die Brust ein- und weiterschlafen sollen, wirkt sich negativ auf die Zufriedenheit von Eltern aus und gefährdet die Fortsetzung der Stillbeziehung.

Die ABM-Protokolle (Academy of Breastfeeding Medicine) dienen seit vielen Jahren als richtungsweisende Leitlinien in der Behandlung und Begleitung stillender Frauen und deren Kinder. Das Protokoll Nr. 37 wurde komplett neu erstellt und beschreibt, wie Säuglinge physiologisch schlafen, wie nächtliches gemeinsames Schlafen und Stillen miteinander verwoben sind und wie Eltern die nächtliche Betreuung ihres Säuglings sicher und praktikabel gestalten können.
Physiologisches Schlaf- und Stillverhalten von Säuglingen
Das normale physiologische Stillverhalten
Im ersten Abschnitt widmet sich das Protokoll dem normalen physiologischen Stillverhalten von Neugeborenen und Säuglingen, sowohl tags als auch nachts. Die Bedeutung von Stillen nach Bedarf, non-nutritivem Saugen und häufigem Stillen von Anfang an wird erklärt. Dass direktes Stillen nicht gleichbedeutend und nicht im selben Maße effizient ist wie Abpumpen, wird ebenfalls erläutert.
Das physiologische Schlafverhalten und die Bedeutung von Nähe
Der nächste Abschnitt geht auf das normale, physiologische Schlafverhalten von Neugeborenen und Säuglingen ein und zeigt die Bedeutung von Nähe für das Etablieren und Gelingen der Stillbeziehung auf. Melatonin als Inhaltsstoff der Muttermilch wird nächtlich in erhöhtem Maß ausgeschüttet und trägt so dazu bei, dass gestillte Säuglinge leichter in einen Tag-Nacht-Rhythmus finden.
Risikofaktoren für ungünstige Schlafmuster sowie SIDS werden ebenso diskutiert wie die Auswirkungen von getrenntem Schlafen.
Westliche Erwartungen vs. physiologische Bedürfnisse
Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den typischen westlichen Vorstellungen und Erwartungen an Säuglinge: alleine ein- und weiterschlafen, möglichst lange ungestörte Schlafphasen bzw. "durchschlafen" sowie der Sorge, dass gemeinsames Schlafen das SIDS-Risiko erhöhen könnte (wie es in vielen Ländern bis heute noch kommuniziert wird, auch wenn einige nationale Empfehlungen sich diesbezüglich in den letzten Jahren gewandelt haben).
Im weiteren Verlauf bespricht das Protokoll Faktoren wie mütterliche Depression als Risikofaktor, verbreitete Praktiken wie nächtliches Pumpen, Schlaftrainings-Methoden, nächtliche Beleuchtung und moderne Tracking-Apps, die sich alle negativ auf das physiologische Schlafen auswirken.

Konkrete Empfehlungen für Eltern
Am Ende des Protokolls stehen konkrete Empfehlungen, um Eltern dabei zu unterstützen, die nächtliche Betreuung ihres Säuglings sicher und praktikabel zu gestalten:
- Eltern dabei unterstützen, das physiologische Schlaf- und Stillverhalten ihres Babys zu verstehen und im liebevollen Dialog adäquat zu beantworten.
- Gemeinsames sicher gestaltetes Schlafen und nächtliches Stillen, was sowohl die Schlafumgebung (Bett, Kissen etc.) angeht als auch gute Schlafpositionen für Mutter und Kind ("schützendes C" der Mutter) berücksichtigt.
- Vermeiden von unnötigen Unterbrechungen und Praktiken, die Mutter und Kind daran hindern, sofort weiterzuschlafen (z.B. Aufstoßen lassen, Wickeln, zu helles Licht).
- "Schlaftraining" unter 6 Monaten ist kontraindiziert und auch im nachfolgenden halben Jahr nicht empfohlen.
- Mütter und Eltern sollten soviel wie möglich schlafen, wenn das Baby schläft (auch tagsüber) und Unterstützung im Haushalt und bei anderen Pflichten erhalten.
- Der Einsatz einer guten Tragehilfe tagsüber ist empfehlenswert und trägt zur Bindung bei.
- Zufütterung oder verfrühte Einführung von Beikost werden das Schlafverhalten nicht positiv beeinflussen und sollten vermieden werden.
- Tracking Apps oder andere Methoden, die das Schlaf- und Stillverhalten von Babys genau aufzeichnen, tragen eher zu Unzufriedenheit der Eltern bei und können den feinfühligen Dialog zwischen Eltern und Kindern stören.
- In Ländern, in denen Mütter nicht mindestens 12 Wochen Mutterschutz postpartum genießen, sollte dies unbedingt politisch verfolgt werden.
Individuelle Erfahrungen und Perspektiven
Die Frage, wann ein Baby durchschläft, ist ein Thema, das viele Eltern beschäftigt. Während einige Babys bereits nach wenigen Monaten längere Schlafphasen haben, benötigen andere länger. Studien zufolge schlafen etwa 70 Prozent der Säuglinge mit drei Monaten durch, wenn sie kurz vor dem Zubettgehen noch einmal gefüttert wurden. Als "Durchschlafen" wird meist eine Schlafdauer von sechs Stunden am Stück definiert.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass jedes Kind individuell ist. Faktoren wie Alter, Gewicht, Entwicklungsstand und Veranlagung spielen eine Rolle. Neugeborene haben einen kleinen Magen und benötigen daher häufige Mahlzeiten, oft alle zwei bis vier Stunden, auch nachts. Mit zunehmendem Alter verlängern sich die Abstände allmählich.
Viele Eltern berichten, dass ihre Stillkinder nachts häufiger nach der Brust verlangen als Flaschenkinder. Dies liegt unter anderem daran, dass Muttermilch leicht verdaulich ist und der Magen des Babys schnell wieder leer ist. Zudem suchen Babys nachts oft Nähe und Sicherheit bei ihren Eltern. Das Einschlafen an der Brust ist für viele ein wichtiges Ritual, das ihnen Geborgenheit vermittelt.
Es gibt auch unterschiedliche Ansichten darüber, ob und wann Babys ohne Nahrung auskommen können. Während einige Quellen darauf hinweisen, dass Babys ab einem bestimmten Alter nachts keine Mahlzeiten mehr benötigen, zeigen andere Studien, dass auch ältere Babys noch Hunger haben und einen Teil ihrer täglichen Nahrungsaufnahme nachts zu sich nehmen.
Einige Eltern teilen ihre Erfahrungen mit dem nächtlichen Stillen und den damit verbundenen Herausforderungen. Sie berichten von Schlafmangel, aber auch von der positiven Wirkung des Stillens auf die Mutter-Kind-Bindung. Es wird betont, dass Abstillen jederzeit möglich ist, wenn es für die Familie notwendig erscheint. Wichtig ist, auf die Signale des Kindes zu achten und eine Lösung zu finden, mit der sich Mutter und Kind wohlfühlen.
Stillen: Richtig anlegen
Sicherheit beim gemeinsamen Schlafen
Wenn Eltern sich für das gemeinsame Schlafen mit ihrem Baby entscheiden, sind einige Sicherheitsaspekte zu beachten:
- Das Baby sollte ohne Kopfkissen bevorzugt in Rückenlage schlafen.
- Es sollten keine losen Kissen oder Stofftiere in der Nähe des Babys sein.
- Die Schlafunterlage sollte fest und die Bettseiten abgesichert sein, um ein Herausrutschen zu verhindern.
- Das Baby liegt bevorzugt nur neben der Mutter, nicht zwischen den Eltern.
- Ausreichend Bewegungsfreiheit für Eltern und Baby ist wichtig.
- Das Kind sollte vor Überwärmung geschützt sein (dünne Decken, kein Mützchen, niedrige Raumtemperatur).
- Es darf kein elterlicher Konsum von Drogen, Alkohol oder dämpfenden Medikamenten vorliegen.
- Eine rauchfreie Umgebung ist essenziell.
Frühgeborene Kinder schlafen sicherer auf einer separaten Unterlage neben dem Elternbett.
Umgang mit Schlafmangel und Erwartungsdruck
Schlafmangel kann für Eltern sehr belastend sein und zu Kopfschmerzen, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen führen. Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten und Unterstützung zu suchen. Dies kann durch Wechseldienste mit dem Partner, das Nutzen von Ruhepausen, den Austausch mit anderen Eltern oder die Annahme von Hilfe geschehen.
Erwartungshaltungen wie "Schläft es schon durch?" können zusätzlichen Druck erzeugen. "Durchschlafen" ist kein Qualitätskriterium für das Muttersein, und kein Baby muss das Schlafen "lernen". Viele Mütter sind verunsichert, wenn ihre Kinder auch im Kleinkindalter noch nachts gestillt werden möchten. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass das nächtliche Stillen auch im Kleinkindalter normal sein kann und die kindliche Schlafentwicklung nicht zwangsläufig beeinträchtigt.
Die Kunst liegt darin, einen Weg zu finden, der für Mutter und Kind passt. Die Reaktion auf die Signale des Kindes, das Stillen nach Bedarf und das gemeinsame Schlafen können dazu beitragen, dass die Nächte trotz Unterbrechungen möglichst ruhig verlaufen und die stillende Mutter trotz allem ausreichend Schlaf bekommt.
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