Fälle von toten Säuglingen in Thüringen
In Thüringen kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu erschütternden Funden toter Säuglinge, die für großes Aufsehen sorgten. Diese Fälle werfen Licht auf tragische Umstände und geben Anlass zur Sorge.
Der Fall Ichtershausen: Verurteilung wegen Totschlags durch Unterlassen
Für den Totschlag an ihren zwei Neugeborenen wurde eine Mutter in Thüringen zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Erfurt urteilte, dass die 29-Jährige die Tat durch Unterlassen begangen hat. Nach Überzeugung des Gerichts hatten die Babys der Frau aus Ichtershausen nach den Geburten im Herbst 2014 und im Herbst 2015 gelebt. Nachdem sie im Badezimmer des Paares in die Toilette gefallen waren, wurden die Säuglinge demnach in Handtücher gewickelt und ihrem Schicksal überlassen. Anfang 2016 wurden die Leichen in Plastiktüten nahe einer Industriebrache gefunden. Der 34 Jahre alte Mann war von der Mutter zunächst beschuldigt worden, die Neugeborenen in Säcken weggebracht zu haben, weil er Kinder hasse. Das Gericht sah dies jedoch als nicht erwiesen an, auch weil die Mutter im Prozess beharrlich geschwiegen hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte für die Frau neun Jahre Gefängnis gefordert und für ihren Ex-Lebensgefährten wegen Totschlags 13 Jahre.

Der Fall Geschwenda: Ungeklärte Umstände und polizeiliche Fahndung
Im Thüringer Wald entdeckten Spaziergänger mit ihren Hunden ein totes Baby. Das etwa drei Wochen alte Mädchen wurde offenbar einfach abgelegt. Aufgrund des Zustandes der Leiche war eine genaue Datierung schwierig, die Polizei vermutete jedoch, dass der Körper dort schon eine längere Zeit gelegen hatte. Die Identität des Kindes sowie der Kindesmutter war bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Informationen noch immer nicht geklärt. Drei Monate nach dem Fund veröffentlichte die Polizei Fotos der Kleidungsstücke, mit denen die Babyleiche bekleidet war, um Hinweise zu erhalten. Die Ermittler fragten gezielt nach Frauen, die zwischen 2017 und 2018 schwanger waren, aber kein Kind mehr hatten, sowie nach Personen, die Angaben zu den Kleidungsstücken machen konnten. Eine Besonderheit stellte die Mütze des Babys dar: Sie trug den Aufdruck „Matcholino“ der Firma Sanetta, die seit 25 Jahren nicht mehr verkauft wird. In Kombination mit dem rosa Body und dem weißen Shirt könnte diese Mütze ein entscheidender Hinweis gewesen sein. Der Fundort an einem Steilhang war abgelegen und mit dem Auto schwer zu erreichen, was die Vermutung nahelegte, dass die Kindesmutter aus dem Umfeld von Geschwenda stammen könnte.

Weitere Fälle von toten Säuglingen in Thüringen
Die Funde von toten Babys in Thüringen sind leider keine Einzelfälle. In den vergangenen Jahren gab es mehrere solcher tragischen Entdeckungen:
Ilm-Kreis: Mehrere Funde
- Anfang 2016 wurde in Ichtershausen bei Arnstadt die Leiche eines kleinen Jungen gefunden, der laut rechtsmedizinischer Untersuchung bei der Geburt noch gelebt hatte. Später wurden die sterblichen Überreste eines weiteren Neugeborenen in der Region entdeckt. Die in Müllsäcken verpackten Leichname stammten von einer jungen Frau, die später wegen unterlassener Hilfeleistung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
- Januar 2007: Der neue Besitzer eines Hauses in Thörey im Ilm-Kreis fand beim Aufräumen die Leichen von drei Babys in einer Garage. Die damals 21 Jahre alte Mutter der Kinder gestand, sie zwischen 2002 und 2005 im Alter von 16, 17 und 19 Jahren geboren zu haben. Es ist unklar, ob die Neugeborenen bei der Geburt noch gelebt hatten. Der Säugling war verschmutzt und zeigte bereits Verwesungszeichen.
Weitere Fälle in Thüringen
- März 2015: In einer Wohnung im ostthüringischen Altenburg wurde ein totes Baby gefunden. Nach Erkenntnissen der Ermittler ertrank das Mädchen. Die Mutter wurde wegen Totschlags zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.
- November 2014: Auf einem Dachboden in Benshausen in Südthüringen wurden zwei tote Babys entdeckt. Die Mutter soll eines der Kinder kurz nach der Geburt erstickt haben. Sie wurde zu vier Jahren Haft verurteilt.
- November 2009: Eine 23-Jährige tötete in Weimar ihr Neugeborenes und starb kurz darauf an den Folgen der Geburt.
- Oktober 2007: In einem Müllcontainer wurde ein totes, neugeborenes Mädchen in Neudietendorf (Kreis Gotha) entdeckt. Die Mutter wurde wegen einer Persönlichkeitsstörung vermindert schuldfähig und zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.
- April 2007: In der Tiefkühltruhe einer Erfurter Wohnung wurden zwei Babyleichen entdeckt. Die Mutter gab an, die Kinder 2002 und 2004 zur Welt gebracht zu haben, wobei die Kinder gestorben seien. Das Gericht verhängte zwölf Jahre Haft.
Plötzlicher Kindstod: Durch Fürsorge schützen! | Health Celerates
Mögliche Ursachen und Forschung zu Plötzlichem Kindstod
Während die oben genannten Fälle von Totschlag und unterlassener Hilfeleistung handeln, ist es wichtig, auch die Ursachen für den Plötzlichen Kindstod (SIDS) zu betrachten, der eine andere Art von Säuglingstod darstellt. Die Forschung hat hier bedeutende Fortschritte gemacht.
Neue Erkenntnisse zur Ursache von Plötzlichem Kindstod
Die australische Biochemikerin Dr. Carmel Therese Harrington hat mit ihrem Team des Kinderkrankenhauses Westmead in Sydney offenbar die Ursache für den Plötzlichen Kindstod gefunden. Nach dem Tod ihres eigenen Sohnes Damien und dem Tod des Babys einer Freundin widmete sie sich der Erforschung dieses Phänomens. Es gab bereits Vermutungen, dass ein Defekt im Weckmechanismus des Gehirns, der die Erregung aus Schlaf und Atmung steuert, eine Rolle spielen könnte. Die Theorie besagte, dass dieser Defekt verhindert, dass das Baby aufwacht, wenn es aufhört zu atmen.
Die Rolle des Enzyms Butyrylcholinesterase (BChE)
Für ihre Untersuchung analysierte das Forschungsteam getrocknete Blutproben von über 60 verstorbenen Säuglingen und verglich diese mit Proben gesunder Babys. Dabei stellte sich heraus, dass die Aktivität des Enzyms Butyrylcholinesterase (BChE) bei Babys, die an Plötzlichem Kindstod starben, signifikant niedriger war als bei lebenden Säuglingen und anderen Säuglingstodesfällen. Dieses Enzym ist wichtig für die Kommunikation im Gehirn, und ein Mangel daran kann den Erregungsweg zwischen Atmung und Schlaf beeinflussen.
Präventionsmöglichkeiten und zukünftige Forschung
Die Ergebnisse der Forschung eröffnen neue Möglichkeiten zur frühzeitigen Identifizierung von Säuglingen mit einem Risiko für den Plötzlichen Kindstod durch die Nutzung des Enzyms BChE als Biomarker. Das Forschungsteam plant, an einem Screening-Test zu arbeiten, um Risiko-Babys zu finden und deren Überleben zu sichern. In Deutschland sind die Todesfälle durch Plötzlichen Kindstod bei Säuglingen unter einem Jahr zwar deutlich zurückgegangen (von über 1.000 Kindern pro Jahr Ende der 1980er-Jahre auf 84 im Jahr 2020), doch Aufklärung bleibt wichtig. Fachleute raten Eltern, Babys auf den Rücken zu legen, Überhitzung zu vermeiden und keine Spielsachen oder Decken im Kinderbett zu haben, sondern stattdessen Schlafsäcke zu verwenden.