Die Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in Regelschulen ist eine komplexe Aufgabe, die oft an mangelndem Bewusstsein und unzureichenden Ressourcen scheitert. Besonders frühgeborene Kinder können von diesem Mangel betroffen sein, da sie häufig mehr Fürsorge und Aufmerksamkeit benötigen, als ihnen im Schulalltag geboten wird.

Frühgeburtlichkeit und ihre Auswirkungen
Ein Kind gilt als Frühchen, wenn es vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Jedes elfte Kind in Deutschland ist von einer Frühgeburt betroffen, was etwa 60.000 Babys pro Jahr entspricht. Die Bandbreite der Frühgeborenen reicht von jenen, die nur wenige Wochen zu früh geboren werden, bis hin zu Extremfrühchen, die mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm und vor der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Letztere haben ein erhöhtes Risiko für nicht ausreichend entwickelte Lunge und Gehirn, was ihre Überlebenschancen und die Wahrscheinlichkeit von langfristigen Beeinträchtigungen beeinflusst.
Die Spätfolgen einer Frühgeburt können vielfältig sein und sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirken. Während viele Frühchen körperliche Defizite bis zum Schuleintritt aufholen, leiden etwa ein Drittel dauerhaft unter emotionalen, sozialen und kognitiven Schwierigkeiten. Studien deuten darauf hin, dass frühgeborene Kinder im Erwachsenenalter häufiger ein geringeres Selbstbewusstsein, eine geringere Belastbarkeit, ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme wie ADHS, Depressionen und Angststörungen sowie Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion aufweisen.

Kognitive und schulische Herausforderungen
Einige Frühgeborene zeigen Teilleistungsschwächen wie Legasthenie und Dyskalkulie. Die hannoversche Frühgeborenen-Langzeitstudie hat dies bestätigt und empfiehlt eine flächendeckende, langfristige Beobachtung dieser Kinder. Psychologen betonen, dass das Wissen über Langzeitfolgen zwar vorhanden ist, aber oft nicht von denjenigen abgerufen wird, die es wissen müssten - darunter Kinderärzte, Psychologen, Therapeuten und vor allem Lehrer. Probleme, die auf eine zu frühe Geburt zurückzuführen sind, werden oft unterbelichtet wahrgenommen.
Der Schulalltag stellt für viele Frühgeborene eine besondere Herausforderung dar. Die Fähigkeit zur Selbstregulation - also zum Umgang mit innerer Unruhe, Müdigkeit oder Frustration - entwickelt sich oft verzögert. Dies kann sich in Konzentrationsschwierigkeiten, schnellem Ermüden, Schwierigkeiten bei der Organisation von Aufgaben und einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Stress äußern. Ein Beispiel hierfür ist Louise, die als Frühchen in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde. Trotz intensiver Förderung durch Nachhilfe, Lerntherapie und psychologische Betreuung, kämpft sie in der Schule mit erheblichen Problemen. Ihre Eltern fragen sich, ob diese Schwierigkeiten auf ihre zu frühe Geburt zurückzuführen sind.
Auch Emma, die in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt kam und lange auf der Intensivstation lag, zeigt typische Herausforderungen. Obwohl kognitiv normal entwickelt, benötigt sie mehr Zeit zur Informationsverarbeitung und hat Schwierigkeiten, den Überblick bei komplexen Aufgaben zu behalten. Ihre Konzentration ist nicht immer stabil, und sie braucht Pausen nach intensiven Phasen. Beim freien Schreiben fällt es ihr schwer, Gedanken zu ordnen und einen roten Faden zu entwickeln, obwohl keine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) oder Aufmerksamkeitsstörung (ADS) diagnostiziert wurde. Ihre Lehrerin beschreibt sie als ein ruhiges Kind, das gelegentlich „abtaucht“.
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Soziale und emotionale Aspekte
Neben den kognitiven Herausforderungen können Frühgeborene auch motorische Defizite und Störungen im sozialen Bereich aufweisen. Studien legen nahe, dass das Gehirn von Frühchen nicht immer so entwickelt ist, wie es sein sollte, was sich auch in einer höheren Rate von ADHS-Diagnosen widerspiegelt. Bei Louise äußerten sich solche Schwächen früh, wurden aber von Therapeuten als „Blockade“ abgetan. Die Eltern stießen jahrelang auf Unverständnis, als sie die Problematik der Frühgeburt ansprachen.
Frühgeborene haben oft ein geringeres Selbstbewusstsein und eine geringere Belastbarkeit. Dies kann dazu führen, dass sie leichter zu Mobbing-Opfern werden. Die Angst vor sozialer Ausgrenzung und die Schwierigkeit, Freundschaften zu schließen, können das schulische und persönliche Wohlbefinden beeinträchtigen. Der Vergleich mit Gleichaltrigen fällt oft negativ aus, was zu Frustration und Versagensängsten führen kann. Louise weinte wütend: „Ich bin zu dumm, ich bin behindert.“
Unterstützung und Förderung für Frühgeborene
Die frühzeitige Erkennung und gezielte Förderung sind entscheidend, um Frühgeborenen den Weg in die Schule und ins Leben zu erleichtern. Initiativen wie die der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften zielen darauf ab, eine bessere medizinische Begleitung bis ins Schulalter zu gewährleisten und Eltern über die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder zu informieren.
Für Eltern ist es wichtig, ein offenes Ohr bei Kinderärzten und Spezialisten zu finden und sich über mögliche Unterstützungsangebote zu informieren. Dazu gehören:
- Therapeutische Hilfe: Ergotherapie, Krankengymnastik und Logopädie können Entwicklungsverzögerungen entgegenwirken.
- Musiktherapie: Musik kann eine ausgleichende und heilende Wirkung haben.
- Hörtests: Frühzeitige Erkennung von Hörstörungen beugt Problemen in der Sprachentwicklung vor.
- Impfungen: Impfungen gegen Pneumokokken und Influenza werden unabhängig vom Geburtsgewicht empfohlen.
- Frühförderung: Die Kontaktaufnahme mit Fachdiensten der Frühförderung kann Unterstützung bei Erziehung und Entwicklung bieten.
An Schulen ist es ratsam, auf die besonderen Bedürfnisse von Frühgeborenen einzugehen. Dies kann durch geeignete didaktisch-methodische Maßnahmen geschehen, um die oft vorhandene normale Intelligenz optimal zu fördern. Sensibilisierung der Lehrkräfte für die spezifischen Herausforderungen wie Unsicherheiten in Wahrnehmung, Konzentration und Planungskompetenz ist essenziell. Ein offener Austausch zwischen Eltern und Lehrern über die Vorgeschichte des Kindes kann dazu beitragen, dass das soziale Umfeld für mögliche Auffälligkeiten sensibilisiert wird.

Die Forschung zeigt, dass das elterliche Engagement eine entscheidende Rolle spielt. Je mehr sich Eltern für ihr Kind einsetzen können, desto besser sind dessen Chancen, gesellschaftlich erfolgreich zu sein. Initiativen zur Institutionalisierung der Betreuung und zur besseren Vernetzung von Eltern, Ärzten und Pädagogen sind daher von großer Bedeutung. Die Leitlinie der S2k-Leitlinie „Sozialpädiatrische Nachsorge extrem unreifer Frühgeborener mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm“ (AWMF-Registernummer 071-013, Stand 2018) betont die Notwendigkeit einer strukturierten Nachsorge bis ins Vorschulalter, insbesondere für extrem kleine Frühgeborene.
Auch wenn die Medizin heute in der Lage ist, extrem kleine Frühgeborene zu retten und viele körperlich gesund entwickeln, bleibt die psychische Entwicklung oft eine Herausforderung. Ängstlichkeit, Unsicherheit und Schwierigkeiten in der Selbstregulation können das ganze Leben begleiten. Ein bewussterer Blick auf die feinen Nuancen der Entwicklung von Frühgeborenen, gepaart mit gezielter Nachsorge und individueller Unterstützung, ist unerlässlich, um ihr volles Potenzial zu entfalten.
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