Predigten von Christian Philipp Heinrich Brandt

Die Nachricht vom Heimgang des ehrwürdigen Vaters Brandt, der nach langem Leidenskampf sanft und selig im Herrn entschlafen war, erfüllte die Gemeinde, die ihm 16 Jahre lang angehört hatte, mit tiefer Trauer. Inmitten dieser Trauer wurden die Worte aus der Offenbarung des heiligen Johannes wiederholt: „Selig sind die Todten, die im HErrn sterben, von nun an; ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach.“ Diese Worte der seligsten Verheißung sollen nun am Grabe des Verstorbenen zum Trost für die Hinterbliebenen und zum Preise der göttlichen Gnade dienen, die an ihm so wirksam gewesen ist.

Christian Philipp Brandt wird als frommer und treuer Knecht beschrieben, dessen Geist trotz seines schwachen Leibes stark war im Herrn und in der Macht seiner Stärke. Er war wohl geübt im guten Kampf des Glaubens und unermüdlich im Wirken für das Reich Gottes. Er trug freudig die Schmach und das Kreuz Christi und war ein Zeuge und Bekenner der Wahrheit in einer Zeit, in der Gottes Wort noch rar war im Lande. Durch Wort und Schrift, durch Tat und Vorbild wies er viele zur Gerechtigkeit.

Nun ruht er von seiner Arbeit, doch seine Werke folgen ihm nach. Der gute Samen, den er unablässig ausgestreut hat, trägt Frucht in der Anschauung der Herrlichkeit Gottes seines Heilandes. Ein herausragendes Werk, das aus Gottes Wirken durch ihn resultierte, ist das Pfarrwaisenhaus. Dieses Haus wurde auf seine Initiative hin gegründet, um armen Waisenkindern eine Zufluchtsstätte zu bieten und sie nach christlichen Erziehungsprinzipien zu Kindern Gottes heranzubilden.

Darstellung eines historischen Pfarrwaisenhauses mit Kindern

Die Gründung und Entwicklung dieses Hauses erforderte von Brandt immense Sorge, Mühe, Hingebung und Selbstaufopferung. Ähnlich wie August Hermann Francke begann er mit wenigen Mitteln einen Bau, der viele Tausende zur Vollendung benötigte. Doch der treue Gott, dem er dienen wollte, stand zu seiner Glaubenstat und ermöglichte das segensreiche Gedeihen der Anstalt über zwanzig Jahre hinweg. In dieser Zeit fanden mehrere Hundert arme Waisen ihre Erziehung und segnen heute das Andenken des Vaters und Freundes ihrer Jugend. Sie halten seinen Namen in Ehren und bitten mit der Gemeinde, dass dem Herrn vor seinem Angesicht die Verheißung erfüllt werde: „Was ihr gethan habt einem der geringsten unter diesen, das habt ihr mir gethan.“

Obwohl der Wunsch, das freundliche Angesicht des Verstorbenen noch einmal zu sehen, unerfüllt blieb, überwiegt die Dankbarkeit, dass der Herr ihn von allem Übel erlöst und ihm Einlass in sein himmlisches Reich gewährt hat. Der im Frieden entschlafene Bruder in Christo hinterließ seinen Lieben ein schriftliches Abschiedszeugnis, das wertvolle Anordnungen für seine Beerdigung enthielt. Er wünschte eine möglichst einfache Bestattung, bei der allein die Gnade Gottes gerühmt und nichts zu seinem Lob gesprochen werden möge. Sein Wunsch war: „Deine Gnade müsse mein Trost sein, wie Du Deinem Knechte zugesagt hast.“

Die Bedeutung des Trostes und der Gnade

Aus der Tatsache, dass der selige Bruder sein Gebet und Flehen auf das Wort „Deine Gnade müsse mein Trost sein“ stützte und wünschte, Jesus nach seinem Tode für den Trost zu loben, wird deutlich, wie trostbedürftig seine Seele war und wie sehr sie nach den Tröstungen des Herrn verlangte. Trost findet seinen tiefsten Eingang in einem trostbedürftigen Herzen. Alle Menschen sind in dieser von Elend und Jammer geplagten Welt trostbedürftig, doch nur wenigen ist es gegeben, diese Bedürftigkeit zu erkennen und sich nach dem Tröster Jesus Christus auszustrecken.

Die meisten Menschen gehen durch das Leid dieser Erde, ohne die Erkenntnis zu erlangen, die dem Trost vorausgeht, wie Christus lehrt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Um Gott am Ende preisen zu können, muss man wie Simeon werden, der fromm und gottesfürchtig war und auf den Trost Israels wartete. Dies erfordert eine rechte Anschauung des weltlichen Elends, Selbsterkenntnis und ein aufmerksames, treues Auge, das nach innen schaut.

Ein Blick, geschärft durch Jesu Auge, offenbart, dass alles Elend aus der Sünde resultiert und nur durch den geheilt werden kann, der die Sünde tilgt - durch Jesus Christus. Wer sich selbst durch Jesu Augen betrachtet, wird klein, demütig und wartend auf Gott. Die Starken brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken. Seelen, die sich an den nichtigen Dingen der Erde weiden, anstatt nach innen zu blicken, erkennen ihre Bedürftigkeit nicht und können daher keinen Trost empfangen oder dafür danken.

Wer jedoch durch Jesus Christus von allem Jammer befreit und erlöst ist, lobt ihn für seinen Trost. Dieses Lob beginnt mit dem Bekenntnis der Trostbedürftigkeit: in der Seele wegen der Sünde, im Kreuz des Lebens, in aller Ratlosigkeit, in Angst und im Tod. Und der Trost bleibt nicht aus. Die wirklich Trostbedürftigen finden ihn so reichlich, dass sie loben, rühmen, preisen und danken müssen. Wer angesichts seiner Sünde keinen Rat und keine Hilfe in sich selbst findet, sieht Jesus mit offenen Armen und hört seine Einladung: „Kommt her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.“

Symbolische Darstellung von Jesus Christus, der Menschen mit offenen Armen empfängt

Wenn die Seele über ihre Sünde bekümmert ist und das Davidsgebet spricht: „Tröste mich wieder mit Deiner Hülfe. Tröste mich Gott mein Heiland,“ dann kann sie auch einstimmen: „In der Angst rief ich den HErrn an und der HErr erhöret mich und tröstet mich.“ Dem wird alles Elend, alles Weh und alle Bitterkeit dieses Lebens, Krankheit und Kummer zum Kreuz, unter dem er aufschaut zum Vater aller Barmherzigkeit und Gott alles Trostes. Trotz bitterster Schmerzen und innerer wie äußerer Anfechtungen singt seine Seele: „Wenn ich nur Dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist doch Du Gott meines Herzens Trost und Theil.“

Selbst in der größten Not, der Todesnot, wenn die Sinne versagen, weicht der Trost nicht. Jesus ist da und spricht sein sanftes, seliges Wort: „Ich will Dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Der Kern des Trostes: Gottes Gnade

Der Text verweist auf einen ganz bestimmten Trost: „Deine Gnade müsse mein Trost sein.“ Dies führt uns zum Kern und Mittelpunkt allen Trostes und unseres Glaubens - zum Kreuz Jesu, dem Ort, an dem er uns Trost erworben hat, und zum Gnadenstuhl.

„Gnade“, so schrieb Brandt, „unverdiente Gnade war es, die mich gesucht, getragen, getröstet hat und heimholt.“ Sein ganzes Sein, Wirken, Leben und Sterben nahm er aus Gottes gnädiger Hand. Am Rande des Grabes blickte er zurück auf sein Leben und sah nicht seine Taten oder Leiden, sondern nur den Gnadenborn Jesu, aus dem ihm sein Leben floss und dem er Gnade um Gnade, Hilfe, Barmherzigkeit, Trost und Erquickung verdankte.

Er nahm Zuflucht zur unverdienten Gnade dessen, der ihn mit seinem Blut erkauft, von seinen Sünden reingewaschen und zu seinem Werkzeug und Gefäß seines Geistes bereitet hat. Diese Gnade, die ihm Vergebung der Sünde, Leben und Seligkeit schenkte, ermöglichte ihm, seinen Lauf in Frieden zu vollenden.

Die Erkenntnis und Wirkung dieser Gnade markierte den Beginn seines geistlichen Lebens. Als streitbarer Held im Banner Jesu zog er ins Tagwerk seines Lebens. Er stärkte seine Arme zum Streit und seine Seele zum Sieg, indem er sich an die Gnadenquelle Jesu hielt und sich ins Herz schrieb: „Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir an Gott haben sollen und werden ohne Verdienst gerecht aus Seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum JEsum geschehen ist.“

Als er heimzog, wurde die Todesnacht ihm zur Weihnacht, und er eilte zu seinem Jesus, um durch dessen Gnade gerecht und ein Erbe des ewigen Lebens zu sein.

Es gibt keinen anderen Trost im Leben und Sterben als die Gnade, die unser Herr und Heiland in seinem Leben und Sterben errungen hat. Diese Gnade, gewirkt durch Jesu allgenügsames Verdienst, mit der der Vater alle Sünden zudeckt und uns als Kinder und Miterben seines Sohnes annimmt. Jeder andere Trost vergeht.

Der Trost von Menschen und Freunden wendet sich oft in Bitterkeit. Auch der Trost aus den eigenen Werken und der Hingabe an Jesus hält nicht stand, wenn die Stunde der Anfechtung kommt. In Angst und Zagen tröstet nichts als Jesu Gnade. In der Todesnot sind die Gnadenwunden unseres Heilands die einzige Zuflucht. Im letzten Kampf erscheint die Perlenkrone der Gnade: „Du krönest sie mit Gnade - Du krönest sie mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Im Gericht wird uns die Gnade decken und schirmen, wenn wir uns der eigenen Sündhaftigkeit bewusst werden und erkennen: „Was ist ein Mensch, daß der sollte rein sein, und daß er sollte gerecht sein, der vom Weib geboren ist? Siehe, unter Seinen Heiligen ist keiner ohne Tadel, und die Himmel sind nicht rein vor Ihm!“

Der Weg zur Gnade: Glaube und Gottes Wort

Gelobt sei Gott, reich an Gnaden, dass er unserem seligen Bruder die Erkenntnis geschenkt hat, dass nichts tröstet als Gnade, und dass er seinen Knecht reichlich mit Gnade getröstet hat. Dieser Weg zur Gnade führte allein über das Festhalten an Gottes Wort, wie Gott es seinem Knecht zugesagt hat, und das Glauben an seine Verheißung.

Der Glaube ist die Hand, die sich aus allem Jammer, Elend, aller Schwachheit und Angst dieser Erde ausstreckt, damit Jesus sie nach seiner Zusage mit Trost der Gnade, Kraft und Stärke fülle.

In einfältigem, kindlichem und innigem Glauben hat der verstorbene Freund Gottes Wort studiert und darin all die seligen Verheißungen gefunden, die Gott seinen treuen Knechten gegeben hat: dass er bei ihnen sein will mit seiner Gnade und seinem ewigen Erbarmen. Er fand die Zusagen: „Sei getrost, fürchte dich nicht. Ich bin mit dir. Sei getrost und unverzagt.“ Er lernte, dass der Herr seine Gnade über die walten lässt, die ihn fürchten, und dass Gott, der uns beruft, treu ist und seine Zusagen gewisslich hält.

Im Glauben folgte er seinem Heiland nach und betete treulich: „Herr, erbarme Dich meiner.“ Im Glauben rang er mit Gott und ließ ihn nicht, bis er gesegnet wurde. Er hielt Gott sein Wort, seine Verheißungen und seine Zusage vor, durch die Gott sich an uns gebunden hat, und hoffte und glaubte getrost, dass es nach seiner Zusage gehen müsse und sein Gebet erfüllt werde: „Deine Gnade müsse mein Trost sein, wie Du Deinem Knechte zugesagt hast.“

Im Glauben warf er sich seinem Heiland zu Füßen und an die Brust, schloss sich in seines Erlösers Herz ein. Sein Lied der Wallfahrt, das er als sein letztes Lied auf Erden bestimmte, war: „Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden! Ich bin Dein, Du b...“

Gnädig

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