Einleitung: Das Organ der Verbindung und seine vielfältige Bedeutung
Die Plazenta, auch Mutterkuchen oder Nachgeburt genannt, ist ein faszinierendes Organ, das während der Schwangerschaft eine lebenswichtige Rolle für das heranwachsende Baby spielt. Sie versorgt das Kind neun Monate lang mit Nährstoffen, versorgt es mit Sauerstoff, schützt es vor Giften und entsorgt Abfallprodukte des kindlichen Stoffwechsels. Angesichts dieser zentralen Funktion ist es nicht verwunderlich, dass der Plazenta seit Jahrhunderten besondere Kräfte zugeschrieben werden und sie Gegenstand vielfältiger Traditionen und moderner Praktiken ist.
Der Hype um die Plazenta hat in den letzten Jahren zugenommen, wobei auch viele Prominente wie Kim Kardashian, Monica Ivancan oder Charlotte Würdig auf die potenziellen Vorteile setzen. Ob in Form von Kapseln, Globuli oder als Teil von Ritualen - die Beschäftigung mit der Plazenta nach der Geburt ist ein Thema, das sowohl wissenschaftliche Skepsis als auch eine wachsende Akzeptanz hervorruft.
Im Folgenden werden verschiedene historische, kulturelle und moderne Verwendungen der Plazenta beleuchtet, von kosmetischen Anwendungen über homöopathische Präparate bis hin zu kulinarischen Experimenten und künstlerischen Ausdrucksformen.

Kosmetische und medizinische Anwendungen im Wandel der Zeit
Die Ära der Plazentafett-Kosmetik
In den 1950er-Jahren entwickelten Unternehmen der Kosmetikindustrie Anti-Faltencremes, die Plazentafett enthielten. Der Grund dafür waren die darin enthaltenen Wachstumshormone. Hebammen erinnern sich, wie in Kreißsälen die Nachgeburten tiefgefroren und in regelmäßigen Abständen von Pharmaunternehmen abgeholt wurden. Das bekannteste Produkt dieser Zeit war Hormocenta. Filmschauspielerin Maria Röck warb damals mit dem Slogan „verjüngt, verschönt und faltenlos“.
Rückgang durch Gesundheitsbedenken
In den 1980er-Jahren wurde die Verwendung von organischem Material menschlichen Ursprungs in der Kosmetikindustrie aufgrund der aufkommenden Bedenken hinsichtlich der Übertragung von Krankheiten wie Aids gestoppt.
Künstlerische und rituelle Verwendungen der Plazenta
Kunstdrucke als Erinnerung
Eine besondere Form der Wertschätzung der Plazenta ist die Erstellung von Kunstdrucken. Dazu wird die Plazenta auf eine glatte Unterlage gelegt, mit der dem Baby zugewandten Seite nach oben. Durch das Aufdrücken von saugfähigem Papier entsteht ein Abdruck. Alternativ kann die Plazenta vor dem Bemalen mit Acrylfarbe gewaschen werden. Diese künstlerischen Abdrücke, oft auf Instagram unter dem Hashtag #placentaart zu finden, dienen als einzigartige Erinnerung an die Geburt.

Mythologie und Bestattungsrituale
Viele Kulturen vergraben die Plazenta traditionell in der Erde, oft wird darauf ein Baum gepflanzt. Dieser „Baum des Lebens“ soll symbolisch für das Leben und die Fruchtbarkeit des Kindes stehen. Bei den mexikanischen Toltec wurde die Plazenta unter einem heiligen Feuerplatz vergraben, um das Kind mit dem Zentrum des Universums sowie mit der Wärme und Liebe des Stammes zu verbinden.
Im Gegensatz dazu gibt es makaberere Bräuche bei manchen Turkvölkern, bei denen die Plazenta auf das Dach des Hauses oder auf einen Baum gehängt und von Raubvögeln gefressen wurde.
Historische Bestattungspraktiken
Im Jahr 1984 entdeckte der Museumsleiter Kurt Sartorius in Deutschland über 50 Keramiktöpfe, die er als Behältnisse zur Bestattung der Nachgeburt interpretierte. Chemische Analysen bestätigten seine Annahme. Diese Funde, die zwischen 1600 und 1900 vergraben wurden, deuten auf die Verehrung der Plazenta als ein geistiges Wesen hin, das das Gedeihen des Kindes förderte. Mit dem Aufkommen von Krankenhausgeburten verschwand dieser Brauch jedoch weitgehend.
Homöopathie und die Plazenta
Plazenta-Globuli als Heilmittel
Keimfrei und wohl deshalb beliebt sind homöopathische Plazenta-Globuli. Für die Herstellung wird ein etwa haselnussgroßes Plazentastück in einem bruchsicheren Plastikgefäß an eine Apotheke geschickt. Dort werden daraus nach Angabe der gewünschten Verdünnungen (oft C5, C7 und C9 empfohlen) Globuli hergestellt.
Die Kosten für die Zubereitung und die Globuli sind überschaubar. Die Wirkung der Isotherapie, also der Behandlung mit Verdünnungen von körpereigenen Substanzen, ist wissenschaftlich nicht belegt. Dennoch werden Plazenta-Globuli häufig bei Kinderkrankheiten wie Schnupfen, Husten, Fieber, Neugeborenen-Gelbsucht oder Milchschorf empfohlen. Auch Mütter behandeln damit einen Milchstau.
Plazentaverzehr: Ein wachsender Trend und seine Hintergründe
Von Prominenten inspirierte Praktiken
Der Verzehr der Plazenta, auch Plazentophagie genannt, hat sich zu einem Trend entwickelt, der auch von vielen Prominenten wie Kim Kardashian, Monica Ivancan oder Sido-Gattin Charlotte Würdig praktiziert wird. Sie lassen sich aus ihrer Plazenta Pillen oder Kapseln herstellen, die angeblich den Babyblues verhindern sollen.
Begründungen für den Verzehr
Die Befürworter des Plazentaverzehrs berufen sich oft darauf, dass alle Säugetiere ihre Plazenta nach der Geburt auffressen würden. Dies sei von der Natur so gewollt, um verlorene Vitamine und Mineralien wieder aufzunehmen. Es wird angenommen, dass die Inhaltsstoffe der Plazenta die Milchbildung fördern, vor dem Babyblues schützen, die Rückbildung der Gebärmutter unterstützen und das Baby vor Krankheiten schützen können.
Die Plazenta ist reich an Hormonen wie Östrogen, Progesteron und Choriongonadotropin, die nach der Geburt eine unterstützende Rolle spielen könnten. Einige Frauen berichten von schnellerer Genesung nach der Geburt.
Methoden der Zubereitung
Es gibt verschiedene Methoden, die Plazenta zuzubereiten:
- Kapseln: Die Plazenta wird gekocht, getrocknet und zu Pulver verarbeitet, das dann in Kapseln gefüllt wird.
- Globuli: Ähnlich wie bei der homöopathischen Herstellung wird aus dem Plazenta-Pulver Kügelchen geformt.
- Rohkost: Manche empfehlen den Verzehr der Plazenta roh, da einige Hormone hitzeempfindlich sind.
- Gekochte Gerichte: Es existieren Rezepte für Plazenta-Lasagne, -Spaghetti oder -Smoothies.
Beispielsweise wird ein Rezept für Plazenta mit Brokkoli beschrieben, bei dem gehackte Plazenta mit Brokkoli, Eiweiß und Thymian vermischt und angebraten wird. Ein anderes Rezept für Plazenta-Lasagne ersetzt eine Käseschicht durch die gehackte Plazenta.
Plazenta und Tradition bei den Urslawen
Wissenschaftliche Skepsis und Risiken
Ärzte stehen dem Plazentaverzehr skeptisch gegenüber. Es gibt bislang keine wissenschaftlichen Studien, die die behaupteten gesundheitlichen Vorteile belegen. Vielmehr warnen sie vor den Risiken, da die Plazenta während der Schwangerschaft auch Gift- und Schadstoffe filtert. Diese könnten beim Verzehr wieder in den Körper aufgenommen werden und potenziell schädliche Folgen haben.
Die Idee, dass die Plazenta nach der Geburt roh gegessen werden sollte, widerspricht teilweise den kulinarischen Rezepten, die eine Zubereitung vorsehen. Die Frage, ob der Verzehr der eigenen Plazenta unter Kannibalismus fällt, wird ebenfalls diskutiert.
Prokrastination und die ungeplante Zwischenlagerung
Manche Frauen lassen ihre Plazenta im Krankenhaus entsorgen, andere vergraben sie im Garten und pflanzen einen Baum darauf. Einige lassen sie auch zu Globuli verarbeiten. Doch was passiert, wenn die Plazenta aus verschiedenen Gründen nicht sofort richtig entsorgt wird?
Ein Beispiel aus dem „wir eltern“-Online-Forum zeigt, wie Plazentas über Jahre hinweg im Tiefkühler landen. Eine Teilnehmerin namens Daniela D. berichtet, dass sie die Plazenten ihrer Kinder im Tiefkühler aufbewahrte, um sie im Frühling zu vergraben und Bäumchen darauf zu pflanzen. Aufgrund turbulenter Lebensereignisse gerieten diese Pläne jedoch in Vergessenheit. Erst Jahre später, aufgerüttelt durch ein „Coming-out“ in einem Forum, sollen die Plazenten nun endlich ihre Bestimmung finden.
Diese Praxis der Prokrastination, also der Erledigungsblockade, scheint kein Einzelfall zu sein. Selbst eine Redakteurin desselben Magazins gibt zu, seit 15 Jahren eine Plazenta im Tiefkühler zu horten.
Traditionelle chinesische Medizin und Plazenta
„Zi He Che“ - Das wertvolle Medikament
In China hat die Plazenta eine lange Tradition als Heilmittel. Bereits in der Antike wurde ihre Verbindung zum Kosmos und ihr enormer energetischer Wert erkannt. Die getrocknete Plazenta gilt in der chinesischen Medizin als eines der teuersten und seltensten Medikamente und ist in der Arzneimittelsammlung „Honso Komoku“ enthalten.
Seit der Mai-Dynastie wird die Plazenta als Spitzenmedizin angesehen. Heute wird sie in China in Kräuterpräparaten zur Stimulierung der Laktation verwendet, in Tonika und Getränken namens „Zi He Che“. Diese Idee wird auch im Westen durch Plazentakapseln umgesetzt, die als Methode gelten, die Vorteile der Plazenta für Mutter und Kind über Jahre zu erhalten.
Die Plazenta im Überblick
Die Plazenta ist ein Stoffwechselorgan, das sich während der Schwangerschaft bildet und den Fötus über die Nabelschnur mit Sauerstoff und Nahrung versorgt. Sie entwickelt sich aus embryonalen und mütterlichen Zellen und erreicht im Laufe der Schwangerschaft einen Durchmesser von 15 bis 20 Zentimetern und ein Gewicht von etwa 500 Gramm.
Funktionen der Plazenta:
- Versorgung des ungeborenen Babys mit Nährstoffen, Wasser und Sauerstoff
- Filterung von Gift- und Schadstoffen
- Produktion von Hormonen
- Entsorgung von Kohlendioxid und anderen Abfallprodukten aus dem kindlichen Stoffwechsel
Was passiert mit der Plazenta nach der Geburt?
Nach der Geburt löst sich die Plazenta von der Gebärmutterwand und wird als Nachgeburt ausgeschieden. Die Hebamme überprüft, ob keine Rückstände verblieben sind, da diese zu Komplikationen führen könnten. Die Entscheidung, was anschließend mit dem Mutterkuchen geschieht, liegt bei der Frau. In der Regel wird sie mit medizinischem Abfall entsorgt, doch immer mehr Frauen entscheiden sich dafür, die Plazenta mit nach Hause zu nehmen und weiterzuverwenden.