Die Aufzucht von Eichhörnchen-Babys kann eine herausfordernde, aber auch lohnende Aufgabe sein. Gerade für Anfänger in der Eichhörnchenhaltung kann es unerwartet vorkommen, dass man vor der Frage steht, wie man ein Jungtier großzieht. Dies kann verschiedene Ursachen haben, wie zum Beispiel eine vernachlässigende Eichhörnchenmutter oder ein sichtlich krankes Jungtier. Dieser Leitfaden bietet detaillierte Informationen und praktische Tipps zur Handaufzucht von Eichhörnchen-Jungtieren, basierend auf langjähriger Erfahrung.

Frühe Entwicklungsstadien
Direkt nach der Geburt sind Eichhörnchen-Babys nackt und blind. Ihre Gewicht liegt zwischen 8 und 15 Gramm. In den ersten Lebenswochen ist die Mutter für die Entwicklung ihrer Jungen zuständig. Am sechsten Lebenstag beginnen die ersten Haare am Kopf zu wachsen und breiten sich über den Rücken aus. Nach zwei Wochen entwickelt sich ein dichtes, flauschiges Fell. Die Schneidezähne brechen durch, und die Augen sowie Ohren bleiben zunächst geschlossen.
Woche 1-2: Die Nacktschnecken-Phase
Zu Beginn sind die Jungtiere vollständig nackt, mit geschlossenen Augen und Ohren. Ihr Gewicht liegt bei etwa 5 Gramm. Die Haut ist rosafarben bis grau. In dieser Phase ist die Körpertemperaturregulierung extrem wichtig, da die Babys noch keine eigene Körperwärme erzeugen können. Eine konstante Wärmequelle ist daher unerlässlich.
Woche 2-3: Die ersten Haare und weiterhin geschlossene Sinne
Langsam bilden sich die ersten flaumigen Haare am ganzen Körper, mit Ausnahme von Bauch und Beinen. Augen und Ohren bleiben weiterhin geschlossen. Das Gewicht steigt auf etwa 20 Gramm. Die Entwicklung des Haarkleids schreitet voran, wobei Bauch und Schwanzunterseite noch unbehaart bleiben.
Woche 3-4: Fellentwicklung und beginnendes Sehen
Das Haarkleid wird dichter, und das Fell beginnt sich am Bauch und den Beinen zu entwickeln. Die Augen und Ohren sind noch geschlossen. Das Gewicht liegt nun zwischen 50 und 80 Gramm. Langsam deuten sich die weißen Haare am Bauch an.
Woche 4-5: Öffnung der Augen und Ohren
Zwischen dem 28. und 35. Tag öffnen sich die Augen und Ohren nacheinander. Das Haarkleid vervollständigt sich am ganzen Körper. Die Schwanzhaare sind noch kurz und liegen glatt an. Das Gewicht beträgt zwischen 80 und 100 Gramm. Zu diesem Zeitpunkt beginnen auch die oberen Schneidezähne durchzubrechen.
Fortgeschrittene Entwicklung und erste Selbstständigkeit
Mit fortschreitender Entwicklung werden die Jungtiere agiler, ihre Sinne entwickeln sich weiter, und sie beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen.
Woche 6-7: Agilität und Beginn der festen Nahrung
Das Haarkleid ist nun vollkommen ausgebildet. Die Hörnchen können sehen und werden in ihren Wachphasen agiler. Der Schwanz wird buschiger. Sie beginnen, Sonnenblumenkerne zu knacken und feste Nahrung gut zu nehmen und zu verdauen. Das Gewicht liegt zwischen 110 und 130 Gramm.
Woche 8-9: Unabhängigkeit und Erkundung
Die Eichhörnchen werden immer agiler und lernen fleißig das Klettern. Sie spielen viel und beginnen, Nüsse zu knacken. Die Milch wird nicht mehr regelmäßig angenommen. Der Schwanz ist nun deutlich buschig. Das Gewicht liegt zwischen 160 und 180 Gramm.
Woche 10-12: Zunehmendes Gewicht und Erkundung der Welt
In dieser Phase nehmen die Eichhörnchen nochmals an Gewicht zu und wiegen zwischen 200 und 250 Gramm. Sie beginnen, Nüsse zu knacken und erkunden ihre Umgebung immer weiter. Die Milch wird zunehmend durch feste Nahrung ersetzt.
Wichtige Aspekte der Aufzucht und Pflege
Die Handaufzucht von Eichhörnchen-Jungtieren erfordert Geduld, Wissen und die richtige Ausrüstung. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Wärmezufuhr, der Fütterung und der Hygiene.
Wärmezufuhr: Das A und O
Direkt nach dem Fund müssen unterkühlte Eichhörnchen sofort aufgewärmt werden. Geeignete Wärmequellen sind:
- Elektroheizkissen: Gut regulierbar und dauerhaft warm (kleinste Stufe meist ausreichend). Nur für Tiere bis 6 Wochen geeignet.
- Wärmflaschen und Kirschkernkissen: Gut geeignet, wenn regelmäßig überprüft und nachgewärmt wird.
- SnuggleSafe: Hält stundenlang warm, birgt aber Gefahren durch Nachwärmen. Bei unsachgemäßer Anwendung besteht Erstickungs- oder Überhitzungsgefahr. Muss sicher und mit mehreren Lagen Handtücher abgedeckt platziert werden.
Ein gerolltes Handtuch kann als Nest dienen. Der Kontakt und die Geborgenheit sind wichtig, um das Tier nicht an den Menschen zu gewöhnen, sondern ihm Sicherheit zu geben.
Fütterung: Die richtige Milch und Technik
Für die Aufzucht sollte niemals Kuhmilch verwendet werden. Empfohlen wird:
- Notlösung (max. 2 Tage): Mischung aus 2 Teilen Wasser + 1 Teil Dosenmilch (10%).
- Besser und längerfristig: Katzenmilch-Aufzuchtpulver im Verhältnis 1 Teil Milchpulver zu 3 Teilen Wasser (bis zur 5. Woche), danach 1 Teil Milchpulver zu 2 Teilen Wasser.
Das Pulver muss immer frisch nach Anleitung angerührt und die Trinktemperatur kontrolliert werden. Bei Ablehnung der Milch können kleine Mengen Babybrei (z.B. Banane-Zwieback), Honig oder Zucker beigemischt werden.
Fütterungstechnik:
- Das Eichhörnchen sollte aufrecht gehalten werden, um ein Verschlucken zu vermeiden.
- Die Milch wird langsam mit einer 1-ml-Spritze ins Mäulchen gespritzt.
- Bei zu schnellem Füttern tritt Flüssigkeit aus der Nase aus - das Tempo muss angepasst werden.
- Anfangs kann die Fütterung beschwerlich sein, da manche Tiere die Ersatzmilch verweigern.
Die Fütterungsintervalle variieren je nach Alter:
- 1. Woche: alle 2 Stunden
- 2. Woche: alle 3 Stunden
- 3. Woche: alle 3-4 Stunden
- 4. Woche: alle 4 Stunden
- 5. und 6. Woche: alle 4 Stunden, nachts nur bei Bedarf.
Die Milchmenge pro 24 Stunden sollte maximal 20% des Körpergewichts betragen. Die Menge pro Mahlzeit richtet sich nach der Magenkapazität (ca. 5% der Körpermasse). Eichhörnchen haben kein Sättigungsgefühl, daher darf die 5%-Grenze nicht überschritten werden.
Ausscheidungsförderung: Bauchmassage und Stimulation
Bis zur 7. Lebenswoche ist eine sanfte Bauchmassage nach jeder Fütterung notwendig, um die Blasenentleerung zu stimulieren. Dabei wird mit leichtem Druck von der Bauchmitte zum Geschlechtsteil gestrichen. Zum Urinieren wird das Geschlechtsteil mit einem feuchten Tuch angetippt, um das Lecken der Mutter nachzuahmen. Ab der 7. Woche sind die meisten Tiere in der Lage, selbstständig Kot und Urin abzusetzen.
Der Kot sollte fest und dunkelbraun bis schwarz sein, der Urin klar. Dunkler Urin kann auf eine zu kurze Bauchmassage oder geringe Flüssigkeitsaufnahme hindeuten.
Umstellung auf feste Nahrung
Ab etwa der 7. Woche sollten Eichhörnchen langsam an feste Nahrung gewöhnt werden. Geeignet sind Zwieback, Sonnenblumenkerne, Nüsse (Hasel-, Erd-, Walnüsse), Maiskolben, Karotten, Pilze, Beeren, Äpfel, Birnen, Weintrauben sowie frische Zweige mit Zapfen von Nadelbäumen, Bucheckern und Eicheln.
Ungeeignet sind: Vogelfutter mit Getreidekörnern und Erdnüsse (verursachen Blähungen).
Unterbringung und Auswilderung
Die Unterbringung der Jungtiere passt sich ihrem Entwicklungsstadium an.
- Baby-Phase (bis 6 Wochen): Kleine Kiste oder Katzenkorb mit Nest und Wärmekissen. Schnelle Sozialisierung ist wichtig.
- 6. - 12. Lebenswoche: Zimmervoliere mit Schlafhäuschen, das zwei Ausgänge hat.
- Ab 12. Lebenswoche: Auswilderungsvoliere für 4 Wochen, danach Freilassung. Eine Woche lang sollten sie die Möglichkeit haben, in die Voliere zurückzukehren.
Umgang mit gefundenen Eichhörnchen
Wenn Sie ein verletztes oder hilfloses Eichhörnchen finden, ist schnelles und richtiges Handeln entscheidend.
- Umgebung nach Muttertier absuchen: Ist die Mutter in der Nähe, wird sie das Jungtier innerhalb von vier Stunden holen. Kalte und verletzte Tiere werden von der Mutter jedoch nicht mehr angenommen.
- Umgebung nach Geschwistertieren absuchen.
- Das Jungtier wärmen: In einem ausgepolsterten Karton mit einer Decke und einer handwarmen Wärmequelle. Keine Rotlichtlampen verwenden, da diese die Tiere austrocknen.
- Schutz vor Feinden: Katzen, Krähen etc. fernhalten.
- Bei ausbleibender Mutter oder Verletzungen: Das Tier mitnehmen und umgehend Kontakt zu einem Eichhörnchen-Notruf oder einer Wildtierauffangstation aufnehmen.
- Nicht selbst füttern oder tränken: Erst muss der Kreislauf stabilisiert werden, da Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme lebensgefährlich sein kann.
Eichhörnchen, die ihre Mutter verloren haben oder aus dem Nest gefallen sind, suchen instinktiv menschliche Nähe. Sie sind nicht krank, sondern verzweifelt und suchen Hilfe. Das Anfassen ist unbedenklich, da sie keine übertragbaren Krankheiten haben.
Erste Hilfe für Eichhörnchen-Babys
Gefahren und Risiken
Einige Gefahren können das Überleben der Jungtiere bedrohen:
- Austrocknung: Besonders bei sehr jungen, nackten Babys.
- Verschlucken beim Füttern: Führt zu Lungenentzündung.
- Aufgasung: Lebensbedrohlich, wenn nicht umgehend behandelt.
- Verletzungen: Durch Stürze, Raubtiere oder Unfälle.
- Fehlernährung: Verwendung falscher Milch oder ungeeigneter fester Nahrung.
- Umwelteinflüsse: Zerstörung von Nistplätzen durch Gartenpflege oder Baumaßnahmen.
Die Bedeutung von Wildtierauffangstationen
In Deutschland gibt es fast 200 Auffangstationen, die jährlich Tausende von Eichhörnchen aufnehmen. Diese Stationen bieten fachgerechte Versorgung und pflegen die Tiere, bis sie ausgewildert werden können. Die Arbeit in diesen Stationen ist oft ehrenamtlich und erfordert viel Engagement und Erfahrung.
Biologische Einordnung und Lebensweise
Das Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) gehört zur Ordnung der Nagetiere, Familie der Hörnchen (Sciuridae). Seine Fellfarbe variiert stark je nach Region und Jahreszeit, von fuchsrot bis braunschwarz. Eichhörnchen sind tagaktiv und bauen kugelförmige Nester (Kobel) aus Zweigen, meist in Nadelbäumen. Sie sind bekannt für ihre Fähigkeit, Samen und Nüsse zu vergraben, was zur Verbreitung von Bäumen beiträgt.
Schutzmaßnahmen und artgerechte Gestaltung von Lebensräumen
Um Eichhörnchen zu unterstützen, können folgende Maßnahmen ergriffen werden:
- Nahrungsangebot: Anpflanzung von heimischen nuss- und fruchttragenden Gehölzen (Haselnuss, Walnuss, Buche, Kastanie, Obstbäume).
- Wasserstellen: Abgedeckte Regentonnen und flache Wasserschalen.
- Lebensräume: Wilde Ecken in Gärten belassen, Laub- und Geasthaufen anlegen.
- Vermeidung von Gefahren: Regentonnen abdecken, Bäume nicht unnötig fällen.
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