Die Reproduktionsmedizin hat in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte Fortschritte gemacht und Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch neue Hoffnung gegeben. Seit der Geburt des ersten deutschen "Retortenbabys" Oliver W. am 16. April 1982 in Erlangen, das durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas gezeugt wurde, wurden allein in Deutschland fast 390.000 Kinder mithilfe assistierter Reproduktionstechniken (ART) geboren. Weltweit liegt die Zahl der durch ART gezeugten und geborenen Kinder bei über zehn Millionen, Tendenz steigend.

Die Entwicklung der Reproduktionsmedizin
Der Durchbruch in der künstlichen Befruchtung gelang bereits am 25. Juli 1978 in Großbritannien mit der Geburt von Louise Brown, dem ersten Kind der Welt, das außerhalb des Mutterleibs gezeugt wurde. Für seine Pionierarbeit auf diesem Gebiet erhielt Robert G. Edwards im Jahr 2010 den Nobelpreis.
Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit
Ein Kinderwunsch ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Wenn sich dieser Wunsch nicht auf natürlichem Wege erfüllt, kann ungewollte Kinderlosigkeit für Betroffene eine enorme emotionale Belastung darstellen. Bei etwa 30 bis 40 Prozent der Paare liegt eine biologische Störung bei einem der Partner vor, in 20 Prozent der Fälle sind beide Partner nur bedingt fruchtbar. Bei Frauen sind häufig Veränderungen der Eileiter (Tubenpathologien) oder Endometriose die Ursachen. Bei Männern sind es oft unzureichende Spermiogramme, bei denen die Zahl und Beweglichkeit der Spermien eingeschränkt sind. Neben angeborenen und hormonellen Ursachen können auch Krankheiten, Schadstoffe oder eine ungesunde Lebensweise die Spermienqualität beeinträchtigen. Alkohol, Nikotin, Drogen und Umweltgifte wirken sich negativ auf die Fruchtbarkeit beider Geschlechter aus. Über- oder Untergewicht können den Hormonstoffwechsel stören, was besonders junge Frauen betreffen kann.
Fortschreitendes Alter und Fruchtbarkeit
Ein wesentlicher Faktor, der die Erfolgschancen von Kinderwunschbehandlungen beeinflusst, ist das Alter, insbesondere das der Frau. Die Lebenserwartung ist gestiegen, doch die biologische Fertilität hat sich nicht entsprechend verändert. Frauen kommen später in die Wechseljahre, aber die Qualität der Eizellen nimmt mit zunehmendem Alter ab. Der Trend zeigt, dass immer mehr Frauen über 40 Hilfe in Kinderwunschkliniken suchen. Die jährlichen Erhebungen des Deutschen IVF-Registers belegen dies: Während 2011 noch rund 8.000 Frauen über 40 eine Behandlung suchten, stieg diese Zahl 2021 auf über 12.600 Patientinnen. Die Chancen auf eine Schwangerschaft und Geburt jenseits der 40 sind jedoch oft gering. Ab diesem Alter sinkt nicht nur die Schwangerschaftsrate, sondern die Fehlgeburtenrate nimmt stark zu. Etwa 10 bis 20 Prozent der Frauen, die pro Embryotransfer schwanger werden, verlieren ihre Kinder zu 50 Prozent wieder.

Methoden der assistierten Reproduktionstechniken (ART)
Die Reproduktionsmedizin bietet eine Reihe von Verfahren, um Paaren zum Wunschkind zu verhelfen:
- Hormonelle Stimulation: Frauen nehmen Hormonpräparate ein, um die Reifung von Eizellen zu fördern. Anschließend wird gezielt ein Eisprung ausgelöst, um die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft durch ungeschützten Verkehr zu erhöhen.
- Insemination: Spermien des Mannes werden aufbereitet und gezielt in die Gebärmutter eingebracht, um die Befruchtung zu erleichtern. Wenn keine geeigneten Spermien des Partners vorhanden sind, kann auf eine "donogene" oder "heterologe" Insemination mit Spermien eines Samenspenders zurückgegriffen werden.
- In-vitro-Fertilisation (IVF): Eizellen und Samenzellen des Paares werden gewonnen und in einer Nährlösung zusammengebracht. Nach erfolgreicher Befruchtung reifen die Embryonen (Blastozysten) mehrere Tage im Labor. Maximal drei Embryonen dürfen bei einer Behandlung in die Gebärmutter übertragen werden.
- Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI): Diese Methode ist eine Weiterentwicklung der IVF. Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert. Anschließend reifen die Zellen, bevor sie in die Gebärmutter übertragen werden.
- Kryokonservierung: Männliche oder weibliche Keimzellen (Spermien und Eizellen) werden bei sehr tiefen Temperaturen (ca. -190 Grad Celsius) eingefroren. Diese Methode ermöglicht es, die Fruchtbarkeit von Menschen mit schweren Erkrankungen zu erhalten oder überzählige Eizellen für spätere Behandlungen zu sichern. Auch befruchtete Eizellen (Embryonen) können kryokonserviert werden.
- Testikuläre Spermienextraktion (TESE): Bei Männern mit sehr geringer Spermienanzahl im Ejakulat können Spermien durch einen chirurgischen Eingriff direkt aus dem Hoden gewonnen werden.

Weitere reproduktionsmedizinische Verfahren und ethische Aspekte
Neben den gängigen ART gibt es weitere Verfahren und Konzepte, die im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung diskutiert werden:
- Embryonenadoption: Überzählige Embryonen aus Kinderwunschbehandlungen können für Paare, die selbst keine Embryonen entwickeln können, zur Adoption freigegeben werden.
- Eizellspende: Die Spende von Eizellen ist in vielen europäischen Ländern wie Großbritannien und Österreich erlaubt, auch in nicht-kommerzieller Form.
- Präimplantationsdiagnostik (PID): Diese Methode ermöglicht die Untersuchung von Embryonen auf genetische Merkmale, bevor sie in die Gebärmutter übertragen werden. In Deutschland ist sie nur bei wenigen seltenen Erkrankungen zugelassen.
- Leihmutterschaft: Dieses Verfahren ist in vielen Ländern rechtlich komplex und nicht ausdrücklich erlaubt oder verboten. In Großbritannien ist sie für Einheimische ohne finanziellen Gewinn möglich. Kommerzielle Leihmutterschaft ist in einigen wenigen Ländern gestattet, kann aber für Paare, die Angebote im Ausland nutzen, zu rechtlichen Problemen führen.
Erfolgschancen und Kosten von Kinderwunschbehandlungen
Obwohl der Befruchtungsvorgang im engeren Sinne in den meisten Fällen gelingt und die Transferrate von Embryonen in die Gebärmutter aktuell bei über 92 Prozent liegt, kommt es nur in etwa 32 Prozent der Fälle zu einer Schwangerschaft. Die Wahrscheinlichkeit einer Geburt pro einzelnem Behandlungszyklus liegt bei etwa 23 Prozent. Die Erfolgschancen steigen statistisch mit mehreren Versuchen (kumulative Schwangerschaftsrate). Bei über vier Behandlungszyklen werden insgesamt etwa 70 Prozent aller behandelten Frauen schwanger.
Die Kosten für Kinderwunschbehandlungen können erheblich sein. Eine Insemination kostet etwa 200 Euro, mit hormoneller Stimulation vervierfacht sich die Summe schnell. Eine ICSI-Behandlung kann für Privatversicherte und Selbstzahler zwischen 3.000 und 10.000 Euro kosten, zuzüglich möglicher Kosten für Kryokonservierung und spätere Transfers. Behandlungen mit Spendersamen können im ersten Durchgang über tausend Euro betragen.
Die Kostenübernahme durch Krankenkassen variiert. Sie übernehmen in der Regel die Kosten für die Diagnostik zur Ursachenermittlung. Bei Erfüllung bestimmter Diagnose- und Altersvorgaben beteiligen sie sich zur Hälfte an einer festgelegten Anzahl von Behandlungen. Allerdings gilt dies meist nur für heterosexuelle Paare; gleichgeschlechtliche Paare sind häufig ausgeschlossen. Zusätzliche Zuschüsse können von Bund und Ländern gewährt werden.

Rechtliche Rahmenbedingungen und aktuelle Debatten
Das deutsche Embryonenschutzgesetz von 1990, zuletzt 2011 reformiert, setzt strafrechtliche Grenzen für reproduktionsmedizinische Verfahren. Es verbietet unter anderem die Eizellspende, die Leihmutterschaft und den "elective Single Embryo Transfer" (eSET), bei dem gezielt ein einzelner Embryo zum Transfer ausgewählt wird, um Mehrlingsgeburten zu vermeiden. Ärzte und Wissenschaftler fordern seit langem Reformen und ein Fortpflanzungsmedizingesetz, das neue Entwicklungen regelt und nicht ausschließlich auf Strafrecht basiert.
Eine besondere Rolle spielt die Debatte um die Rechte von Spenderkindern. Offene Aufklärung über die eigene Entstehungsweise wird als wichtig für die Identitätsentwicklung erachtet. Studien zeigen, dass ein Großteil der aufgeklärten Spenderkinder den Wunsch hat, ihren genetischen Vater und mögliche Halbgeschwister kennenzulernen und mit ihnen in Kontakt zu treten.
ImPuls 1 - Ethik in der Fortpflanzungsmedizin
Alternativen und Unterstützung bei erfolglosen Behandlungen
Wenn Kinderwunschbehandlungen erfolglos bleiben, ist es wichtig, sich mit möglichen Alternativen auseinanderzusetzen. Beratungsstellen, wie das bundesweite Netzwerk BKid, bieten kostenfreie Unterstützung. Für manche Paare bedeutet dies auch, den Kinderwunsch endgültig loszulassen. Dieser Prozess kann lange dauern und erfordert oft professionelle Hilfe. Beratungsangebote von Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, können eine wertvolle emotionale Unterstützung sein.

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