Stillen kann das Leben von extrem früh geborenen und kranken Säuglingen retten. Doch weil nicht jede Mutter ihr Neugeborenes selbst ernähren kann, richten immer mehr Kliniken in Deutschland Muttermilchbanken ein. In Deutschland wurden zwischen 2015 und 2020 insgesamt 14 Milchbanken neu eröffnet oder wiedereröffnet.

Die Bedeutung von Muttermilch für Frühgeborene
Eines von zehn Extrem-Frühchen erkrankt an Nekrotisierender Enterokolitis (NEC), einer schweren Darmentzündung. Ein Risikofaktor ist Babynahrung auf Kuhmilchbasis. Da ihre Mütter in den ersten Tagen oft noch keine Muttermilch haben, sind Frühchen in den Kliniken auf Milchspenden angewiesen. Doch die Spendermilch ist knapp.
Muttermilch ist die beste Ernährung für Frühchen und Neugeborene. Sie fördert die Entwicklung, schützt vor schweren Erkrankungen wie Darmentzündungen und stärkt das Immunsystem. Besonders in den ersten Lebenstagen erhalten sehr kleine Frühchen nur wenige Milliliter alle drei Stunden. Mit einer einzigen Frauenmilchspende können wir bereits mehrere Frühchen optimal versorgen.
Die Milch der eigenen Mutter ist ohne Frage das Beste für das Kind, da sie immer auf die Bedürfnisse des Kindes eingestellt und entsprechend zusammengesetzt ist. Weil eine Frühgeburt für Frauen oft eine traumatische Erfahrung sein kann, reagiert ihr Körper zunächst anders als bei einer normalen Geburt. Um die Zeit zwischen Geburt und Milchproduktion zu überbrücken, ist die gespendete Muttermilch besser als alle Alternativen. Muttermilch kann nicht komplett nachgebaut werden; sie ist einzigartig.

Historische Entwicklung der Säuglings- und Kinderpflege in Deutschland
Die Geschichte der Säuglings- und Kinderpflege in Deutschland ist eng mit der Entwicklung des medizinischen Fortschritts und gesellschaftlicher Veränderungen verbunden. Im 19. Jahrhundert war die Säuglings- und Kindersterblichkeit noch sehr hoch. Viele Kinder starben im ersten Lebensjahr, bedingt durch Ernährungsprobleme, mangelnde Hygiene und das allgemeine Unwissen über die korrekte Pflege.
Gesellschaftspolitische und medizinische Rahmenbedingungen
Nach der napoleonischen Zeit und den Einigungskriegen des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Deutschland zur Industrienation. Dies führte zu Pauperismus und Massenwanderungen in die Städte, was die Lebensbedingungen für viele Familien verschlechterte. Frauen aus der Arbeiterklasse waren oft durch die Doppelbelastung von Haushalt und Erwerbsarbeit physisch und psychisch stark beansprucht. Soziale Kontakte und Zeit für die Kindererziehung waren rar.
Die medizinische Entwicklung schritt im 19. Jahrhundert rasant voran, maßgeblich beeinflusst durch Pioniere wie Robert Koch und Louis Pasteur. Die Erkenntnis, dass Kinder als eigenständige Wesen mit spezifischen Bedürfnissen behandelt werden müssen, reifte heran. Dies führte zur Gründung von Kinderkliniken und spezialisierten Abteilungen.
Institutionen und Netzwerke der Säuglingsfürsorge
Im Kampf gegen die Säuglings- und Kindersterblichkeit wirkten zahlreiche Maßnahmen und Einrichtungen zusammen. Dazu gehörten die Errichtung von Kinderkliniken, die Entwicklung der Lehre und Forschung, die Ausbildung von Kinderärzten und -krankenschwestern sowie die Einrichtung von Säuglingsfürsorgestellen (Mütterberatungen).
Ein wichtiger Kooperationspartner im Bereich der Säuglings- und Kinderpflege war das Israelitische Krankenhaus in Frankfurt am Main. Dieses Krankenhaus, später auch als Gagernkrankenhaus bekannt, spielte eine Rolle im Frankfurter Netzwerk für Säuglings- und Kinderpflege. Die Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen stellten nahezu das gesamte Personal des Krankenhauses und engagierten sich auch in der Säuglingspflege.

Das Israelitische Krankenhaus in Frankfurt am Main und die Säuglingspflege
Das israelitische Krankenhaus in der Gagernstraße 36, das 1914 eröffnet wurde, war Teil eines breiteren Netzwerks zur Säuglings- und Kinderpflege in Frankfurt. Obwohl spezifische Dokumente zur Säuglings- und Kinderpflege aus der Anfangszeit rar sind, lassen sich durch Berichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen und Aussagen von Zeitzeuginnen Einblicke gewinnen.
Bereits 1899 wurde im Vorgängerbau, dem Königswarter Hospital, eine kleine Kinderabteilung eingerichtet. Im neuen Krankenhaus in der Gagernstraße gab es besondere Erwähnung verdienende Kindersäle und Säuglingszimmer mit vorgelagerten Loggien, die den Kindern den Aufenthalt an der frischen Luft ermöglichten.
Bedeutende Persönlichkeiten der Säuglings- und Kinderpflege
Zwei Namen, die eng mit der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege verbunden sind, sind Dr. Adolf Deutsch und Oberin Minna Hirsch. Adolf Deutsch war leitender Arzt der Poliklinik im israelitischen Krankenhaus und engagierte sich stark für die berufliche Ausbildung von Krankenschwestern und die Säuglings- und Kinderpflege. Er war Mitglied im Verwaltungsausschuss des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge und Vorstandsvorsitzender der Säuglingsmilchküche.
Minna Hirsch war Oberin der Pflege im Königswarter Hospital und im Gagernkrankenhaus und Mitbegründerin des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Sie engagierte sich im Beirat der Weiblichen Fürsorge und nahm an wichtigen Versammlungen zur Krankenpflegeausbildung teil.

Moderne Muttermilchbanken und die Bedeutung der Milchspende
Heute spielen Muttermilchbanken eine entscheidende Rolle bei der Versorgung von Frühgeborenen. Die Frauenmilchbank Initiative (www.frauenmilchbank.de) bietet eine Übersicht aller Frauenmilchbanken Deutschlands.
Herausforderungen und Lösungen
Obwohl Muttermilch die optimale Ernährung für Frühchen darstellt, ist die Spendermilch oft knapp. Dies liegt unter anderem daran, dass Mütter in den ersten Tagen nach der Geburt oft noch keine eigene Milch produzieren können. Die COVID-19-Pandemie hat die Situation zusätzlich erschwert, da einige Mütter unsicher waren, ob sie nach einer Corona-Erkrankung als Spenderin infrage kommen.
Um dieser Problematik entgegenzuwirken, werben Kliniken und Organisationen verstärkt für Milchspenden. Ähnlich wie bei einer Blutspende werden Spenderinnen vorab auf verschiedene Erkrankungen getestet, und jede gespendete Milchportion wird regelmäßig mikrobiologisch untersucht. Ein Fahrdienst holt die Milch bei den Familien zu Hause ab, um den Prozess für die Spenderinnen zu erleichtern.
Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden als Beispiel
Die Frauenmilchsammelstelle am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden gehört zu den ältesten in Deutschland und sammelt, kontrolliert und verarbeitet seit über 80 Jahren Muttermilch. Seit 1942 werden dort Muttermilchspenden entgegengenommen.
Das Universitätsklinikum Dresden ist eines von vier sächsischen Level-1-Zentren, die sich um extrem unreife Frühgeborene und schwer erkrankte Neugeborene kümmern können. Die "Milchküche" ist ein wichtiger Teil dieser Versorgungsstrukturen. Mit einem speziellen Analysegerät wird der Nährwert der Milch überprüft, um sicherzustellen, dass jedes Baby optimal ernährt wird.
Die Bedeutung von Muttermilchspenden wird durch Beispiele wie das der Zwillinge Elias und Sophie verdeutlicht, die in ihren ersten Lebenswochen optimal mit gespendeter Muttermilch versorgt wurden, bis ihre Mutter selbst stillen konnte. Diese Spenden sind nicht nur für die eigenen Säuglinge des Klinikums wichtig, sondern werden auch an andere Krankenhäuser in der Region weitergegeben.

Ausbildung und Berufsbilder in der Säuglings- und Kinderpflege
Der Beruf des Gesundheits- und Kinderkrankenpflegers/der Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin hat sich im Laufe der Zeit stark entwickelt. Die Ausbildung dauert drei Jahre und wird mit einer staatlichen Prüfung abgeschlossen. Die ersten beiden Jahre entsprechen der Ausbildung zum Pflegefachmann/-frau, mit einer Spezialisierung auf die Kinderpflege im letzten Jahr.
Die Übergänge zwischen den verschiedenen Berufsbildern in der Säuglings- und Kinderpflege sind oft fließend. Der Oberbegriff der Kinder- und Säuglingspflege (Seemann 2021) umfasst in der Literatur meist Kinder bis zum Ende des ersten Lebensjahres als Säuglinge.
Statistiken zur Säuglingssterblichkeit
Die Tabelle zeigt die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit in Deutschland von 1811 bis 1940. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Sterblichkeitsrate im ersten Lebensjahr der Lebendgeborenen über die Jahrzehnte hinweg signifikant gesunken ist. Während im Zeitraum 1811-1820 noch 16,9% der Kinder im ersten Lebensjahr starben, sank dieser Wert bis 1940 auf 6,4%.
| Zeitraum | Todesfälle in % |
|---|---|
| 1811-1820 | 16,9 |
| 1821-1830 | 17,4 |
| 1831-1840 | 18,3 |
| 1841-1850 | 18,6 |
| 1851-1860 | 19,7 |
| 1861-1870 | 21,1 |
| 1871-1880 | 23,4 |
| 1881-1890 | 22,5 |
| 1891-1900 | 21,7 |
| 1901-1905 | 19,9 |
| 1906-1910 | 17,4 |
| 1911-1915 | 16,0 |
| 1916-1920 | 14,5 |
| 1921-1925 | 12,2 |
| 1926-1928 | 9,6 |
| 1930 | 8,5 |
| 1935 | 6,8 |
| 1940 | 6,4 |
Quelle: Nach Peiper 1965: 406, Peiper bezieht sich auf: Prinzing 1931. Ergänzungen nach Charbonneau 2019.
Frühchen – Mit der Muttermilchbank den Start ins frühe Leben meistern
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