Risiken und Vorteile von Handschuhen in der Geburtshilfe und Medizin

Die Frage nach dem Tragen von Handschuhen im medizinischen Bereich, insbesondere in der Geburtshilfe, wirft eine Reihe von Diskussionen bezüglich Hygiene, Patientenschutz und dem Schutz des medizinischen Personals auf. Ein Vorfall, bei dem eine Ärztin während einer Geburt mit einem Handschuh telefonierte und dabei Türklinken berührte, löste in einer Online-Diskussion Besorgnis aus. Dies wirft die Frage auf, ob solche Praktiken als fahrlässig einzustufen sind und welche Standards in Bezug auf Handschuhe und Hygiene eingehalten werden sollten.

Hygienevorschriften und deren Anwendung

In Krankenhäusern und Kliniken sind klare Hygienevorschriften etabliert, die das Personal zur Händedesinfektion und zum Tragen von Handschuhen bei bestimmten Untersuchungen anhalten. Ein Beispiel hierfür ist die Praxis, dass Ärzte und Pflegepersonal sich vor dem Betreten eines Patientenzimmers die Hände desinfizieren. Bei Untersuchungen, insbesondere vaginalen, wird das Anlegen von Handschuhen standardmäßig praktiziert. Diese Handschuhe sind jedoch nicht zwangsläufig steril, sondern dienen primär dem Schutz des Arztes vor Kontamination und als mechanische Barriere.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, ob für vaginale Untersuchungen sterile Handschuhe erforderlich sind. Während einige argumentieren, dass normale Schutzhandschuhe ausreichend sind, betonen andere, dass eine sterile Umgebung, insbesondere während der Schwangerschaft, unerlässlich sei. Die Vagina selbst wird nicht als übermäßig "dreckiger" Ort betrachtet, aber die Übertragung von Keimen während der Schwangerschaft birgt besondere Risiken.

Schema zur korrekten Händedesinfektion vor dem Anlegen von Handschuhen

Die Rolle von Handschuhen: Schutz für wen?

Eine zentrale Frage im Zusammenhang mit medizinischen Handschuhen ist, ob sie primär dem Schutz des Patienten oder dem Schutz des medizinischen Personals dienen. Die meisten Einmalhandschuhe sind keine sterilisierten Produkte im Sinne einer vollständigen Keimfreiheit, sondern dienen als Barriere gegen die Übertragung von Erregern. Bei bestimmten Eingriffen, wie der manuellen Drainage eines Abszesses, ist eine Kontamination der Hände hochwahrscheinlich, und sterile chirurgische Handschuhe sind hier unerlässlich.

Die Notwendigkeit von Handschuhen hängt stark vom spezifischen Anwendungsfall ab. Bei Routinetätigkeiten am selben Patienten, wie dem Messen des Fundusstandes oder bei Kontakt mit Körperflüssigkeiten, sind Einmalhandschuhe eine wichtige Schutzmaßnahme. Sie schützen das Personal vor direkten Kontaminationen, wie beispielsweise mit Darmbakterien nach einer rektalen Untersuchung, von denen nach einer hygienischen Händedesinfektion nur ein Teil entfernt werden kann.

Arten von medizinischen Einmalhandschuhen

Auf dem Markt existieren verschiedene Arten von medizinischen Einmalhandschuhen, die sich in Material und Eigenschaften unterscheiden:

  • Nitril-Handschuhe: Wasserabweisend, beständig gegen viele Chemikalien und Öle, gute Alternative bei Latexallergie, bieten guten Schutz gegen Mikroben.
  • Vinyl-Handschuhe: Ebenfalls eine Alternative bei Latexallergie, preisgünstig, aber nicht sehr robust und mit kurzer Lebensdauer.
  • Latexhandschuhe: Seltener eingesetzt wegen allergischer Reaktionen, aber robust und langlebig, geeignet für den Umgang mit scharfen Gegenständen.
  • Handschuhe aus Polyethylen: Nicht elastisch, lose zu tragen, wenig robust, aber preisgünstig.

Alle medizinischen Handschuhe müssen die europäische Norm EN 455 erfüllen, die Dichtigkeit, Reißfestigkeit und Grenzwerte für Chemikalien, Puder, Proteine und Endotoxine regelt. Darüber hinaus müssen Schutzhandschuhe gegen Mikroorganismen der Norm EN 374 entsprechen.

Risiken und Herausforderungen beim Gebrauch von Handschuhen

Trotz ihrer Bedeutung bergen medizinische Handschuhe auch Risiken:

  • Nicht einzeln auf Dichtigkeit geprüft: Im Gegensatz zu Kondomen werden medizinische Einmalhandschuhe nur stichprobenartig auf Dichtigkeit geprüft. Perforationen können unbemerkt bleiben.
  • Doppelhandschuhe: Im chirurgischen Bereich können Doppelhandschuhe mit Indikatorsystemen das Risiko einer Perforation minimieren, indem sie bei Beschädigung des Außenhandschuhs Schutz bieten und eine Farbreaktion auslösen.
  • Falsche Größe: Zu kleine Handschuhe ermüden die Hand, zu große Handschuhe beeinträchtigen Feingefühl und Feinmotorik.
  • Zu langes Tragen: Dies begünstigt die Übertragung von Erregern und mazerationsbedingte Hautschäden.
  • Falsches An- und Ausziehen: Dies kann zu Kontaminationen führen.
  • Rückstände von Händedesinfektionsmitteln oder Restfeuchtigkeit: Können bei direktem Anziehen der Handschuhe nach Desinfektion oder Waschen die Haut schädigen.
  • Trügerische Sicherheit: Nutzer verzichten manchmal auf notwendige Händedesinfektionen, da sie sich durch die Handschuhe geschützt fühlen.
  • Nicht immer 100% dicht: Handschuhe bieten einen zuverlässigen, aber keinen vollständigen Schutz.
Infografik, die die korrekte Technik zum Ausziehen von Einweghandschuhen veranschaulicht

Sterile vs. Unsterile Handschuhe: Wann ist was angebracht?

Die Entscheidung zwischen sterilen und unsterilen Handschuhen hängt vom jeweiligen Anwendungsbereich ab. Sterile Handschuhe sind unerlässlich, wenn eine Übertragung von Erregern zwischen Personal und Patient, Proben oder Geräten verhindert werden muss, insbesondere bei hohem Infektionsrisiko oder direktem Kontakt mit Körperflüssigkeiten. Sie sind auch bei der Herstellung von Arzneimitteln und der Probenentnahme wichtig.

Unsterile Handschuhe sind eine kostengünstigere und praktikablere Alternative, wenn ein steriles Arbeitsumfeld nicht zwingend erforderlich ist. Sie schützen das Personal vor sichtbaren Verschmutzungen, Chemikalien oder Ansteckungen bei Hochrisikopatienten und dienen als mechanische Barriere. Bei vielen Routinetätigkeiten, bei denen kein direkter Kontakt mit potenziell pathogenen Erregern stattfindet, reichen unsterile Handschuhe aus.

Vorteile unsteriler Handschuhe:

  • Kosten: Deutlich günstiger in der Herstellung und Anschaffung.
  • Lagerhaltung: Längere Haltbarkeit und einfacheres Lagermanagement im Vergleich zu sterilen Handschuhen.
  • Anwendung: Weniger aufwendig im Handling, erfordern keine spezielle Schulung für das Auspacken ohne Sterilitätsverlust.
  • Abfallaufkommen: Geringeres Abfallaufkommen durch Großpackungen anstelle von Einzelverpackungen.

Die Wahl des richtigen Handschuhs sollte stets auf den bestehenden Arbeitsanweisungen und Richtlinien basieren, um sowohl die Sicherheit von Personal und Patienten zu gewährleisten als auch Kosten und Abfallaufkommen zu optimieren.

Umweltaspekte von Einweghandschuhen

Die zunehmende Verwendung von Einweghandschuhen im medizinischen Bereich wirft auch Umweltfragen auf. Kunststoffe, aus denen viele Handschuhe gefertigt sind, sind langlebig und bauen sich in der Umwelt nur langsam ab. Tonnenweise Einweghandschuhe gelangen in die Ozeane und stellen dort eine erhebliche Belastung dar. Sie verfangen sich in Meereslebewesen, werden verschluckt und zerfallen zu Mikroplastik, das in die Nahrungskette gelangt. Organisationen wie "Operation Mer Propre" machen auf dieses Problem aufmerksam, indem sie regelmäßig Müll, darunter auch Handschuhe, an Küsten und im Mittelmeer sammeln.

Wie kommt unser Plastikmüll ins Meer?

Es ist daher unerlässlich, Einweghandschuhe sachgerecht zu entsorgen und, wo immer möglich, auf wiederverwendbare Alternativen oder eine Reduzierung des Verbrauchs von Einwegprodukten zu setzen, ohne dabei die notwendige Hygiene und Sicherheit zu kompromittieren.

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