Die Stellung der Frau im Islam
Im Islam sind Mann und Frau vor Gott gleichgestellt. Laut Koran sind sie verpflichtet, sich gleichermaßen an die 5 Säulen des Islam zu halten und sich der Gesellschaft gegenüber verantwortlich zu fühlen. Diese Säulen stellen festgeschriebene Aufgaben gläubiger Muslime dar. Frauen haben in der Theorie die gleichen Rechte wie Männer, einschließlich eines Persönlichkeitsrechts, eines Rechts auf Bildung, eines Rechts auf die Wahl des Ehepartners und eines Rechts auf Scheidung. In der Praxis gab es jedoch immer wieder Bestrebungen, die Dominanz des Männlichen zu untermauern und die Rechte der Frauen einzuschränken, oft unter dem Motto „zum Schutz der Frau“.
Die Rollenverteilung innerhalb der Familie spiegelt den Stellenwert des „Weiblichen“ wider. Der Mann ist für die Versorgung der Familie verantwortlich und stellt sicher, dass es weder Frau noch Kindern an etwas fehlt. Die Frau nimmt eine unterstützende und beratende Funktion ein und kümmert sich traditionellerweise um die Kindererziehung.
Schwangerschaft im Islam
Eine Schwangerschaft ist im Islam, ähnlich wie in vielen anderen Kulturen, ein Anlass großer Freude. Die Frau erfüllt dadurch nicht nur einen Teil ihrer ehelichen Pflichten, sondern festigt auch ihre Stellung innerhalb der Familie. Auch der Vater heißt den Nachwuchs willkommen, für ihn hat der Familienzuwachs eine tiefere Bedeutung, da jedes weitere Familienmitglied den Zusammenhalt und die Verbundenheit stärkt. Für die Frau kann eine Schwangerschaft auch eine Erleichterung darstellen, da Unfruchtbarkeit im Islam als Gottes Wille betrachtet wird.
„Allahs ist das Königreich der Himmel und der Erde. Er schafft, was er will. Er beschert Mädchen, wem er will, und er beschert die Knaben, wem er will. Oder er gibt beide, Knaben und Mädchen, und er macht unfruchtbar, wen er will; er ist allwissend, allmächtig.“ (Vgl. Koran)

Schwangerschaft und Ramadan
Ein zentrales Thema für schwangere Frauen ist ihr Verhalten während der Fastenzeit (Ramadan). Für gläubige Muslime ist es Pflicht, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf Essen und Trinken zu verzichten. Dies kann für eine schwangere Frau eine schwierige Herausforderung darstellen.
Es gibt unterschiedliche Auslegungen zum Thema Schwangerschaft und Ramadan:
- Manche gehen davon aus, dass eine schwangere Frau fasten kann, sofern ihr Gesundheitszustand dies erlaubt.
- Andere sind der Meinung, dass das Fasten gebrochen werden darf.
Nimmt die Schwangere nicht am Fasten teil, muss sie die entfallenen Tage nachholen und/oder einen armen Menschen speisen. Es gibt jedoch auch die Auffassung, dass eine schwangere Frau nicht fasten muss, wenn sie für sich und ihr Baby sorgt.
Aus medizinischer Sicht ist bei strikten Diäten oder Fastenkuren während Schwangerschaft und Stillzeit Vorsicht geboten. Eine Teilnahme am Ramadan sollte nur nach Rücksprache mit der betreuenden Ärztin oder dem Arzt erfolgen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Frau sich wohlfühlt und keine medizinischen Gründe gegen das Fasten sprechen.
Zusätzlich gibt es Annahmen über bestimmte Verhaltensweisen, die die Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen sollen, sowie Spekulationen über das Geschlecht des ungeborenen Babys, basierend auf der physischen Erscheinung der Schwangeren und ihrer Ernährung.
Die Mahlzeit vor Sonnenaufgang (Suhur) sollte sehr reichhaltig und nahrhaft sein. Ruhe ist besonders wichtig, da Stress sich negativ auf die Milchproduktion auswirken kann. Auch Schwangere sollten sich im Ramadan genügend Pausen gönnen.
Einige Imame vertreten die Ansicht, dass schwangere und stillende Mütter die Fastentage nachholen müssen, da weder Koran noch Sunna detaillierte Vorgaben zur alternativen Ernährung machen. Andere Auslegungen erlauben das Brechen des Fastens, insbesondere wenn der Gesundheitszustand der Mutter gefährdet wäre.
Die Geburt im Islam
Die Geburt gilt im Islam als eine wichtige Station im Leben einer Frau und als freudiges Ereignis für die gesamte Familie. Natürliche Entbindungen werden bevorzugt. Die Geburt im eigenen Zuhause hat Tradition und wird von der Hebamme sowie erfahrenen Frauen aus der Familie oder Nachbarschaft unterstützt. Väter nehmen in der Regel nicht an der Geburt teil.
Dem Nabelschnur kommt eine besondere Bedeutung zu; sie wird als Teil des Neugeborenen betrachtet und nicht achtlos weggeworfen. Im Islam glaubt man, dass der Umgang mit der Nabelschnur nach der Geburt den zukünftigen Werdegang des Kindes beeinflusst. Traditionell wurde sie im Hof einer Moschee, in einem Stall begraben oder in einen Fluss geworfen.

Rituale und Traditionen rund um die Geburt
Im Wochenbett gelten Frau und Neugeborenes als besonders verletzlich. Die Mutter muss sich von den Strapazen der Geburt erholen und das Baby muss sich an die neue Welt gewöhnen.
Direkt nach der Geburt wird dem Baby das Glaubensbekenntnis (Adhan und Iqama) ins rechte Ohr geflüstert. Sieben oder spätestens 40 Tage nach der Entbindung bereitet die Familie ein Opfermahl vor. Der Überlieferung nach wird bei diesem Ritual der Kopf des Kindes rasiert und sein Haar in Silber aufgewogen.
Nach dem Vorbild der Geburt Mariams (Marias) nehmen viele muslimische Schwangere anlässlich der Geburt Datteln zu sich. Es ist bekannt, dass diese ein die Wehen förderndes Hormon - Oxytocin - enthalten und die Funktion der Milchdrüsen beim Stillen verbessern.
Es gibt spezielle Bittgebete (Du’as) und das Dhikr (Gedenken Allahs) für die Geburt. In Malaysia ist dies eine verbreitete Praxis. Auch die Rezitation des gesamten Korans während der Schwangerschaft und Geburt wird als schützend und positiv für das Kind angesehen, insbesondere die Sure Mariam.
Die Wahl zwischen einer Hausgeburt und einer Entbindung im Krankenhaus wird oft diskutiert. Eine Hausgeburt kann in einer vertrauten Umgebung weniger Stress bedeuten, wenn keine Komplikationen erwartet werden. Bei Auffälligkeiten ist eine Klinik sicherer. Die sorgfältige Auswahl einer vertrauenswürdigen Hebamme ist bei Hausgeburten ratsam.
Im Islam gilt, dass die Bittgebete einer gebärenden Frau besonders erhört werden. Der Glaube an Allah und die Hingabe während der Geburt sind zentrale Elemente.
Die Bedeutung des Stillens im Islam
Muttermilch gilt als die beste und natürlichste Nahrung für das Baby. Der Koran sieht eine Stilldauer von zwei Jahren vor. Der Vater unterstützt die Frau, indem er für entsprechende Rückzugsorte, eine angenehme Atmosphäre sowie Nahrung und Kleidung sorgt. Für die Entwöhnung ist ein Zeitrahmen von 30 Monaten vorgesehen, der die 9 Monate der Schwangerschaft mit einschließt. Frühgeborene sollten demnach länger gestillt werden.
Muttermilch ist reich an Nährstoffen, Eiweißen und Immunstoffen, die das Baby vor Krankheiten schützen und seine Entwicklung optimal unterstützen. Das Stillen fördert zudem die Regeneration der Mutter und beruhigt das Kind durch den engen körperlichen Kontakt.
Manchmal werden Frauen am Stillen gehindert, was als problematisch angesehen wird, da die Kinder dann oft mit nicht abgekochter Kuhmilch aus verschmutzten Flaschen ernährt werden, was zu Todesfällen führen kann.

Die Hebamme im islamischen Kontext
Das Amt der Hebamme ist im islamischen Kontext von großer Bedeutung. Eine Hebamme, die ein Kopftuch trägt, muss dieses jeden Tag wechseln und bei 60 Grad waschen. Die Regelungen zum Tragen von Kopftüchern für Angestellte in konfessionellen Krankenhäusern werden je nach Vereinbarung vom zuständigen Bistum oder der Krankenhausleitung geregelt.
In kirchlichen Einrichtungen gibt es Grundordnungen, die die Beschäftigung von nicht-christlichen Angestellten regeln, sofern diese bereit sind, ihre Aufgaben im Sinne der Kirche zu erfüllen. Dies wirft die Frage auf, ob eine muslimische Frau zur Hebamme in einem christlichen Krankenhaus werden kann.
Religiöse Ansichten zur männlichen medizinischen Betreuung
Aus islamischer Sicht ist die Betreuung einer Geburt durch einen männlichen Arzt nur in äußerster Not erlaubt. Wenn eine ausgebildete Hebamme zur Verfügung steht und die Frau keine Beschädigung oder Befremdung fürchtet, ist es nicht gestattet, sich einem männlichen Geburtshelfer auszusetzen. Ärzte sind verpflichtet, das Betrachten und Berühren des Körpers einer Frau zu unterlassen, wenn es nicht notwendig ist.
Die Anzahl der Ärztinnen in staatlichen Krankenhäusern ist oft gering, und der Zeitpunkt der Geburt ist unvorhersehbar. In solchen Fällen wird empfohlen, Krankenhäuser anzurufen und nach verfügbaren Ärztinnen zu fragen oder sich von einer erfahrenen Frau betreuen zu lassen, auch wenn diese keine Ärztin ist.
Die Geburt wird als natürliches Ereignis betrachtet, das seit Anbeginn der Menschheit stattfindet. Die Betreuung durch Ärztinnen ist erst seit kurzer Zeit üblich. Eine zuverlässige und vertrauenswürdige Ärztin, die Mutter und Kind nicht schadet, darf eine Geburt betreuen. Ansonsten sollten andere Frauen diese Aufgabe übernehmen.
In Jerusalem gibt es das katholische Sankt-Joseph-Krankenhaus, das einen Ort schaffen möchte, an dem die natürliche Geburt respektiert wird. Dort arbeiten muslimische und christliche Hebammen zusammen, und auch jüdische Patientinnen werden behandelt. Die Religionszugehörigkeit spielt bei der Betreuung keine Rolle; die Mütter werden als Menschen behandelt.
Held*in des Alltags: Die Hebamme | tagesthemen-Serie
Die Hebamme als Missionarin?
Für manche christliche Frauen, die in islamischen Ländern als Hebammen arbeiten, verschwimmen die Grenzen zwischen ihrer beruflichen Tätigkeit und ihrer Mission. Sie sehen ihre Arbeit als Teil ihres Glaubens und sind angewiesen auf Gott. Das Gebet spielt eine wichtige Rolle, um Frauen in schwierigen Situationen zu unterstützen.
Das Beispiel von Amina Ahmad, einer 51-jährigen Hebamme, zeigt die Bedeutung von Unterstützung für Waisenkinder. Sie musste nach ihrer Flucht aus Somalia in Deutschland bei Null anfangen, absolvierte Ausbildungen und wurde schließlich Hebamme. Ihre Arbeit im Kölner Krankenhaus beschreibt sie als erfüllend.
Die SMG (Schweizerische Missions-Bruderschaft) bietet Mitarbeiterinnen wie Sandra, die in einem islamischen Land in Südasien als Hebamme arbeitet, eine verdeckte Anstellung an. Sie betont die Akzeptanz und den guten Ruf des christlichen Frauenspitals, das seit über 100 Jahren besteht.
Sandra beschreibt, dass die Frauen dort stark von Islam und Tradition geprägt sind und auch abergläubisch sind. Talismane, das Schminken der Augen Neugeborener gegen den „Bösen Blick“ und das Flüstern des Glaubensbekenntnisses ins Ohr sind verbreitete Praktiken.
Sie begegnet auch Herausforderungen wie dem Verhindern von Stillen, was sie als problematisch ansieht. Bei Praktiken, die nicht direkt schädlich sind, hüten sie sich davor, sie zu unterbinden, um nicht die Schuld zugewiesen zu bekommen, falls etwas schiefgeht. Die Angst vor Geisteraustreibungen durch Anpusten durch die Schwiegermutter nennt sie beunruhigend.
Die Anwesenheit des Mannes bei der Geburt ist nicht vorgesehen; es kommen weibliche Angehörige. Die Rolle der Frau wird oft auf die Freude des Mannes und die Geburt von Kindern reduziert, was dazu führen kann, dass Frauen sich wertlos fühlen, wenn sie keine Kinder bekommen.
Sandra empfindet ihre Arbeit als eine Mischung aus Hebamme und Missionarin, da sie sich bei ihrer Arbeit auf Gott angewiesen fühlt und oft für Frauen betet. Sie berichtet von einem Fall, in dem ein Paar aufgrund von Unfruchtbarkeit Selbstmordabsichten hatte, aber nach einem Besuch im Spital und Kontakt zu Christen schwanger wurde.
Die SMG bietet Mitarbeitern wie Sandra verdeckte Anstellungen in Ländern mit erhöhtem Risiko zur Christenverfolgung an, wobei ihre Identität und ihr Einsatzort nicht veröffentlicht werden.
Nach der Geburt: Wochenbett und Traditionen
Die ersten 40 Tage nach der Entbindung gelten als wichtigster Teil der Nachbehandlung der Mutter. In dieser Zeit sollte die Mutter Kräuter, Kräuterbäder und stärkende Nahrung zu sich nehmen, um ihren Körper zu verjüngen und Energie zu gewinnen. Sie soll sich möglichst zu Hause aufhalten und Unterstützung durch ihre Mutter, Schwiegermutter oder Schwester erhalten.
Die Ernährung im Wochenbett basiert auf Speisen mit anregender Wirkung, die die Vitalität wiederherstellen, die Zirkulation verbessern und den Körper wärmen. Die Mutter sollte sich warm halten und kaltes Wasser sowie Nässe vermeiden. In den ersten drei Tagen sollte sie kein Bad nehmen und die Haare nicht waschen.
Anlässlich der Geburt eines Kindes gibt es bestimmte Handlungen, die auf der Sunna des Propheten Muhammad basieren:
- Dem Neugeborenen wird der Adhan (Gebetsruf) ins rechte Ohr und die Iqama (Ruf vor dem Gebet) ins linke Ohr geflüstert. Dies beinhaltet die islamische Glaubensbezeugung und ist das Erste, was das Kind hört.
- Der obere Mundraum des Neugeborenen wird mit einer gekauten Dattel eingerieben.
- Am siebten Tag nach der Geburt findet die ‘Aqiqa statt, bei der ein Schaf oder eine Ziege geschlachtet wird. Das Fleisch wird von der Familie gegessen und als Spende (Sadaqa) weitergegeben.
- Ebenfalls am siebten Tag sollte die Namensgebung stattfinden, wobei der Name des Kindes bei der Schlachtung erwähnt wird.
- Das Schneiden der Haare des Neugeborenen am siebten Tag ist ebenfalls eine Sunna. Es ist erwünscht, das Haar in Silber aufzuwiegen und dieses als Sadaqa zu geben.
