Die Warburg Bank, ein Hamburger Privatbankhaus, passt ihr Geschäftsmodell erneut an. Ein zentraler Punkt dieser strategischen Neuausrichtung ist der geplante Ausstieg aus dem Kapitalmarktgeschäft, um adäquate Eigenkapitalrenditen zu sichern. Seit 2022 arbeiten die Vorstandsmitglieder Markus Bolder und Stephan Schrameier an der Sanierung der Bank, die in den vergangenen Jahren stark durch den Cum-Ex-Steuerskandal belastet war.

Umfassende Restrukturierung und operative Ergebnisse
Die Umstrukturierung bei Warburg Bank umfasst ein mehrjähriges Großprojekt zur Erneuerung der IT-Infrastruktur. Parallel dazu wurde eine Investorensuche eingeleitet, die jedoch derzeit pausiert zu sein scheint. Trotz dieser Herausforderungen zeigt sich der Vorstand optimistisch: "Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben das Geschäftsjahr 2024 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen und unsere Rücklagen weiter gestärkt", so Schrameier.
Vorstand und Verantwortlichkeiten
Seit 2022 bilden Markus Bolder und Stephan Schrameier den Vorstand der Warburg Bank. Bolder, der für das Backoffice zuständig ist, sammelte zuvor Erfahrungen im Bankhaus Lampe, das 2021 mit Hauck & Aufhäuser fusionierte. Schrameier verantwortet die marktnahen Geschäftsbereiche. Vor seinem Wechsel nach Hamburg war er im Vorstand der Standard Chartered Bank in Frankfurt tätig.
Entwicklung der Geschäftsbereiche im Jahr 2024
Die verschiedenen Geschäftsbereiche der Bank entwickelten sich unterschiedlich. Im Private Banking, dem wichtigsten Geschäftsfeld, wurden die Ziele übertroffen. Das Corporate Banking, insbesondere das Kreditgeschäft, zeigte eine solide Leistung. Ein Rückgang der Erträge aus dem Zinsumfeld im Vergleich zu 2023 wurde durch eine bewusste, vorsichtigere Kreditvergabe im herausfordernden Immobilienmarkt erklärt. Trotz eines Rückgangs des Zinsüberschusses um über 30% auf rund 67 Millionen Euro blieb dieser im Plan.
Die positive Entwicklung des Aktienmarktes im Jahr 2024 spiegelte sich nur begrenzt im Segment der deutschen Nebenwerte wider, welches kaum von den Kursbewegungen profitierte. Es gab wenige Börsengänge und Kapitalerhöhungen.

IT-Überholung und Kosteneffizienz
Ein wesentlicher Faktor für das positive Nettoergebnis von 1 Million Euro bei gleichzeitiger Stärkung der Rücklagen um 10 Millionen Euro ist die konsequente Kostenkontrolle. Trotz erheblicher Investitionen in die IT-Erneuerung sanken die sonstigen Verwaltungskosten. Die Personalkosten blieben nahezu unverändert.
IT-Kernbanksystem und Applikationsreduktion
Der geplante Wechsel zum Kernbanksystem des genossenschaftlichen IT-Dienstleisters Atruvia im Mai 2026 liegt im Zeitplan. Die Kosten für dieses Projekt belaufen sich auf rund 40 Millionen Euro, etwa 10 Millionen Euro weniger als ursprünglich geplant. Die IT-Überholung umfasst nicht nur den Systemwechsel, sondern auch die Modernisierung der gesamten IT-Infrastruktur. Die Anzahl der Applikationen soll bis 2026 von über 400 auf etwa 90 reduziert werden.

Strategische Portfolioanpassungen und Risikomanagement
Zur Erreichung des positiven Ergebnisses trugen auch Sondereffekte bei, deren Auswirkungen sich weitgehend ausglichen. Im Zuge der strategischen Fokussierung auf das Kerngeschäft verkaufte die Bank ihre Beteiligung am Hamburger Immobilienentwickler Quantum Immobilien sowie ihre letzten drei Schiffe. Eine positive Auswirkung hatten zudem ein Anstieg der sonstigen betrieblichen Erträge um fast 15 Millionen Euro und ein um fast 8 Millionen Euro besseres Ergebnis aus Finanzanlagen. Die Schwäche am Immobilienmarkt führte nicht zu signifikant höheren Rückstellungen für Kreditausfälle, was die konservative Risikostrategie der Bank unterstreicht.
Kreditportfolio und Risikopolitik
Das Kreditportfolio der Warburg Bank umfasst rund 500 Millionen Euro. Die Risikopolitik der Bank hat sich in den vergangenen Jahren bewährt und zu einer stabilen Entwicklung beigetragen. Das Risikomanagement und die Kreditqualität werden weiterhin engmaschig überwacht.
Reputation und Vertrauensaufbau nach Cum-Ex-Skandal
Der Cum-Ex-Skandal hat das Image der Bank in den letzten Jahren beeinträchtigt. Trotzdem erhält die Bank kontinuierlich Bestätigung ihrer fachlichen Expertise, was sich auch in Auszeichnungen bei Wettbewerben zeigt. Der Wiederaufbau von Vertrauen ist ein fortlaufender Prozess, bei dem die Bank durch attraktive Veranstaltungen, verstärkte Einladungen zu Ausschreibungen und den Gewinn von Mandaten Fortschritte erzielt.
Erklärvideo zur Bankenaufsicht – Wie funktioniert die Bankenaufsicht?
Ausbau des Produktangebots und Kundenansprache
Die Warburg Bank erweitert ihr Produktangebot, wobei einige Produkte auch für den breiteren Markt konzipiert werden. Eine stärkere Anbindung an Stiftungen und kleinere Pensionskassen ist ebenfalls geplant, wofür das Vertriebsteam verstärkt werden soll.
Strategischer Ausstieg aus dem Kapitalmarktgeschäft
Im Zuge der strategischen Neuausrichtung wird die Warburg Bank ihr Aktienresearch für Nebenwerte sowie das damit verbundene Kapitalmarktgeschäft mit institutionellen Kunden einstellen. Dies umfasst die gesamte Wertschöpfungskette im Aktienbereich: Sales, Trading und Kapitalmarktaktivitäten.
Zeitplan und Begründung des Ausstiegs
Die Entscheidung wurde getroffen, da der geplante Wechsel des Kernbanksystems im Mai 2026 erhebliche Investitionen im Kapitalmarktgeschäft erfordert hätte. Eine sorgfältige Prüfung ergab, dass eine kleine Bank wie die Warburg Bank nicht nachhaltig genug Erträge aus diesem Geschäft generieren kann, um solche Investitionen zu rechtfertigen. Daher wird die Bank spätestens zum Systemwechsel aus dem Kapitalmarktgeschäft aussteigen.

Personalreduktion und zukünftige Struktur
Die geplante IT-Restrukturierung und die Neuausrichtung des Geschäftsmodells gehen mit weiteren Stellenkürzungen in Hamburg einher. Bis 2027 plant die Bank, mit einer Personalstärke von rund 400 Vollzeitkräften erfolgreich zu operieren, verglichen mit derzeit etwa 550 Mitarbeitern.
Geschäftsbereiche und Zielkunden
Die Warburg Bank wird ihre Komplexität reduzieren und statt der bisherigen drei nur noch zwei Geschäftsbereiche führen: Private Banking und Corporate Banking. Zielkunden im Corporate Banking sind Unternehmer, die Segmente Schifffahrt und Immobilien sowie das Beratungsgeschäft. Das Depotsicherungsgeschäft für illiquide Vermögenswerte bleibt ebenfalls bestehen.
Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern befinden sich in einem frühen Stadium; ein Vorschlag mit einem Personal-Konzept wurde vorgelegt. Dies ist die zweite Geschäftsmodelländerung mit Personalabbau innerhalb von vier Jahren.
Attraktive Nische und Strategie "Mercator"
Als fokussierte Privatbank mit langer Tradition und starkem Namen besetzt die Warburg Bank eine attraktive Nische im Wealth Management für vermögende Klienten. Die Strategie "Mercator" soll eine gute Zukunft sichern.
Neue Produkte und Markteinführung
Die Bank plant die Einführung neuer Produkte, darunter ein aktiv gemanagter Aktienfonds mit Fokus auf die europäische Rüstungsindustrie. Die Zulassung durch die Finanzaufsichtsbehörde liegt vor. Das Personal in den Kernbereichen wird aufgestockt, der Vertrieb gestärkt und die Sichtbarkeit sowie Präsenz erhöht.
Hauck Aufhäuser Lampe: Personalabgänge und Expansion
Die Frankfurter Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe (HAL) verliert eine Gruppe von rund 15 Mitarbeitern an die US-amerikanische Investmentbank Cantor Fitzgerald. Diese Abgänge betreffen mehrere Geschäftsbereiche der deutschen Privatbank und stellen für HAL einen Einschnitt dar. Für Cantor Fitzgerald markiert dieser Personalzuwachs einen wichtigen Baustein für die Expansion in Deutschland.
Die Investmentbank mit Sitz in New York plant, ihr bestehendes Frankfurter Büro mit den Neuzugängen zu verstärken und hat in den vergangenen Monaten mehrere strategische Zukäufe getätigt. Diese Personalwechsel finden statt, während die ABN-Amro-Übernahme von Hauck Aufhäuser Lampe noch läuft.

Hintergründe des Kapitalmarktgeschäfts und Marktentwicklungen
Das Kapitalmarktgeschäft war im Geschäftsjahr 2021 für die Warburg Bank sehr erfolgreich. In den Folgejahren führten geopolitische Umwälzungen und eine wirtschaftliche Verlangsamung dazu, dass der administrative Aufwand unverhältnismäßig zum Umsatz wurde. Unternehmen zögern mit Investitionsentscheidungen, und seit 2022 ist ein starkes Austrocknen des Marktes für Nebenwerte zu beobachten.
Die Warburg Bank wird sich auf zwei weiterhin lukrative Geschäftsfelder und wachsende Märkte mit einer geringeren Kostenbasis konzentrieren. Mit der Neuausrichtung des Profils zielt die Bank darauf ab, mittelfristig Kosten-Ertrags-Relationen unter 70% sowie eine Eigenkapitalrendite von über 10% zu erreichen. Eine zweistellige Eigenkapitalrendite ist notwendig, um im Wettbewerb um Kapital bestehen und für Aktionäre attraktiv bleiben zu können.
Bei planmäßiger Umsetzung der Restrukturierung und des Kernbanksystemwechsels könnte die 10%-Marke bereits 2027 erreicht werden. Die Restrukturierung wird jedoch zusätzliche Kosten verursachen, die voraussichtlich zu einem Jahresverlust im Geschäftsjahr 2025 führen werden, der im niedrigen zweistelligen Millionenbereich erwartet wird.
Investorenprozess und strategische Flexibilität
Der bisherige Verlauf des Investorenprozesses hat keinen Einfluss auf die Entscheidung zur Anpassung des Geschäftsmodells und zum Verzicht auf das Kapitalmarktgeschäft. Unternehmen müssen strategische Veränderungen stets im Blick behalten, da sich Märkte und Kundenbedürfnisse ständig wandeln. Die Konzentration auf zwei Geschäftsbereiche mit guten Wachstumsperspektiven ist Teil dieser Anpassungsfähigkeit.
Der Investorenprozess hat gezeigt, dass die angestrebten Kernbereiche aus Sicht potenzieller Investoren attraktiv sind. Gespräche deuten darauf hin, dass die Überlegungen in die richtige Richtung gehen. Die Bank wäre mit einem oder mehreren Ankerinvestoren zufrieden, kann aber auch auf eigener Basis erfolgreich operieren. Auch eine vollständige Übernahme durch einen Investor ist denkbar, ebenso wie eine zukünftige Struktur mit mehr als zwei Hauptaktionären. Der Vorstand verfolgt hierbei keine Präferenzen, solange die Kapitalplanungsanforderungen der Bank stabil und dauerhaft unterstützt werden.
Ende März wurde bekannt, dass ein Darlehen der Bank von über 60 Millionen Euro an die Muttergesellschaft im Zusammenhang mit Cum-Ex teilweise zurückgezahlt und verlängert wurde. Mit Unterstützung der Aktionäre wurde eine Lösung gefunden, die mehr Zeit für den Investorenprozess schafft. Innerhalb dieser Frist sollen auch der Kernbanksystemwechsel abgeschlossen und die Fokussierung auf die beiden Geschäftsfelder realisiert werden.