Proteine in der Schwangerschaft: Wichtigkeit, Empfehlungen und Risiken

Die Ernährung spielt während der Schwangerschaft eine entscheidende Rolle für die Gesundheit von Mutter und Kind. Grundsätzlich gelten für Schwangere und Stillende dieselben Empfehlungen für eine ausgewogene Ernährung wie für die Allgemeinheit. Es gibt jedoch spezifische Aspekte, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, insbesondere die Proteinzufuhr.

Die Rolle von Proteinen in der Schwangerschaft

Proteine, auch Eiweiss genannt, sind essenziell für zahlreiche Körperfunktionen. Sie bestehen aus Aminosäuren, den Bausteinen, die für die Bildung körpereigener Proteine notwendig sind. Für die Bildung von Proteinen im Organismus benötigen wir 20 verschiedene Aminosäuren, die durch ihre unterschiedlichen Kombinationen und Abfolgen tausende von Proteinen bilden.

Proteine sind sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Tierische Proteine finden sich in Fleisch, Fisch, Geflügel, Milchprodukten und Eiern. Pflanzliche Proteinquellen sind Hülsenfrüchte, Soja (z.B. Tofu) und Nüsse. Aus ernährungsphysiologischer Sicht wird empfohlen, verschiedene Proteinquellen zu konsumieren. Auch mit einer vegetarischen Ernährung lässt sich der Proteinbedarf decken. Bei einer rein pflanzlichen (veganen) Ernährung ist die Kombination verschiedener pflanzlicher Proteine und eine ausreichende Menge unerlässlich, um den individuellen Proteinbedarf zu gewährleisten. Dies liegt daran, dass einige essenzielle Aminosäuren in pflanzlichen Lebensmitteln in geringerer Menge vorkommen als in tierischen.

Die Verfügbarkeit ausreichender Proteine während der Schwangerschaft ist von entscheidender Bedeutung für das Wachstum und die Entwicklung des Fötus. Ein Grossteil der Gewichtszunahme des Fötus erfolgt im zweiten und dritten Trimester, was den Proteinbedarf in dieser Phase erhöht. Eine ausreichende Proteinzufuhr ist auch für die Bildung der Muttermilch nach der Geburt unabdingbar.

Grafik, die die verschiedenen Aminosäuren und ihre Rolle bei der Proteinherstellung zeigt

Empfehlungen zur Proteinzufuhr

Grundsätzlich kann der Proteinbedarf durch natürliche Lebensmittel gedeckt werden. Es wird empfohlen, zu jeder Hauptmahlzeit eine Proteinkomponente zu integrieren, beispielsweise zwei Eier, 100-150 Gramm Fleisch oder Fisch, oder eine Portion Hartkäse (ca. 30g).

Bei einer regelmässigen körperlichen Aktivität von mehr als vier Stunden pro Woche steigt der Proteinbedarf für den Erhalt und Aufbau von Muskeln sowie für die Regeneration von Körperproteinen auf 1,3 bis 1,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht. Da sehr aktive Personen in der Regel mehr essen, wird dieser Bedarf oft automatisch gedeckt.

Es gibt jedoch Situationen, in denen die Deckung des Proteinbedarfs erschwert sein kann. Dazu gehören:

  • Häufige Reisen, die die Verfügbarkeit ausgewogener Mahlzeiten einschränken.
  • Hoher Sportpensum (mehr als fünf Stunden pro Woche), das den Proteinbedarf zusätzlich erhöht.

In solchen Fällen kann ein Proteinpulver zur Ergänzung eingesetzt werden. Eine gewohnte Einnahme vor der Schwangerschaft kann fortgesetzt werden, wobei auf Produkte aus der DACH-Region (Deutschland, Schweiz, Österreich) Wert gelegt werden sollte, um mögliche Verunreinigungen zu vermeiden.

Ernährungsempfehlungen vor und während der Schwangerschaft

Das Netzwerk "Gesund ins Leben" hat Handlungsempfehlungen für die Ernährung vor, während und nach der Schwangerschaft aktualisiert. Diese Empfehlungen zielen darauf ab, Eltern einheitliche Botschaften zu Ernährung und Bewegung zu vermitteln.

Ernährung vor der Schwangerschaft

  • Gewichtskontrolle: Eine Annäherung des Körpergewichts an ein Normalgewicht vor der Schwangerschaft ist wünschenswert. Übergewicht oder Adipositas sind mit einem erhöhten Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, fetale Makrosomie und Geburtskomplikationen verbunden. Untergewicht erhöht das Risiko für Frühgeburten, Fehlgeburten und niedriges Geburtsgewicht.
  • Folsäure: Frauen mit Kinderwunsch sollten zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung 400 µg Folsäure pro Tag (oder äquivalente Dosen anderer Folate) als Supplement einnehmen. Die Einnahme sollte mindestens vier Wochen vor der Konzeption beginnen und bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels fortgesetzt werden.
  • Jod: Eine ausreichende Jodzufuhr ist wichtig. Frauen mit Kinderwunsch sollten auf eine adäquate Jodversorgung achten.
  • Bewegung: Orientierung an den allgemeinen Bewegungsempfehlungen für Erwachsene.
  • Alkohol und Rauchen: Alkohol sollte gemieden und nicht geraucht werden.
  • Zahn- und Impfstatus: Überprüfung und gegebenenfalls Behandlung von Zahnproblemen sowie Auffrischung von Impfungen (insbesondere gegen Masern, Röteln, Varizellen und Pertussis).
  • Medikamenteneinnahme: Bei regelmässiger Medikamenteneinnahme sollte vor der Konzeption eine Dosisanpassung oder Umstellung mit dem Arzt besprochen werden.

Ernährung während der Schwangerschaft

Der Energiebedarf steigt in der Schwangerschaft nur leicht an, während der Bedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen deutlich stärker steigt. Eine Steigerung der Energiezufuhr sollte erst in den letzten Monaten erfolgen (bis zu ca. 10 %).

  • Nährstoffdichte: Bevorzugung von Lebensmitteln mit hoher Nährstoffdichte wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Milchprodukte, um den Mehrbedarf an Vitaminen und Mineralstoffen zu decken und eine übermässige Energiezufuhr zu vermeiden.
  • Folat und Jod: Eine erhöhte Zufuhr wird empfohlen (siehe Empfehlungen vor der Schwangerschaft).
  • Energiebedarf: Für Schwangere mit normaler körperlicher Aktivität wird im 2. Trimester eine zusätzliche Energiezufuhr von 250 kcal/Tag und im 3. Trimester von 500 kcal/Tag empfohlen.
  • Ausgewogenheit: Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung, die sich an den allgemeinen Empfehlungen für gesunde Erwachsene orientiert. Dies beinhaltet:
    • Reichlich kalorienfreie Getränke und pflanzliche Lebensmittel (Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte).
    • Mässig tierische Lebensmittel (Milchprodukte, fettarmes Fleisch, Eier).
    • Sparsam Süssigkeiten, zuckerhaltige Getränke, Snackprodukte sowie Fette mit hohem Anteil gesättigter Fettsäuren.
  • Fettreiche Fische: Der Verzehr von 1-2 Portionen fettreichem Fisch (Lachs, Hering, Makrele) pro Woche liefert die empfohlene Menge von 200 mg/Tag der Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA).
  • Flüssigkeitszufuhr: Etwa 1,5 Liter/Tag durch Getränke, bei Hitze oder starkem Schwitzen mehr.
Infografik mit einer Darstellung der empfohlenen Lebensmittelgruppen für Schwangere

Spezielle Ernährungsformen in der Schwangerschaft

Vegetarische Ernährung

Eine ausgewogene ovo-lakto-vegetarische Ernährung (mit Milchprodukten und Eiern) kann den Nährstoffbedarf in der Schwangerschaft grundsätzlich decken. Eine gezielte Beratung zur Absicherung ist jedoch empfehlenswert. Frauen, die sich ovo-lakto-vegetarisch ernähren, sollen Folsäure und Jod supplementieren. Aufgrund eines erhöhten Risikos einer unzureichenden Eisenversorgung sollten sie die Aufnahme von eisenhaltigen Lebensmitteln durch gleichzeitigen Verzehr von Vitamin-C-reichen Lebensmitteln verbessern. Kritische Nährstoffe können neben Eisen auch Vitamin B12, DHA und Zink sein, besonders wenn die Ernährung schon länger vegetarisch ist.

Vegane Ernährung

Bei einer rein pflanzlichen (veganen) Ernährung soll die Versorgung mit kritischen Nährstoffen ärztlich überprüft und eine individuelle Ernährungsberatung erfolgen. Zusätzlich zur ausgewogenen Ernährung sollten vegane Schwangere Mikronährstoffsupplemente, insbesondere Vitamin B12, sowie gegebenenfalls Eisen, Calcium, Jod und DHA einnehmen, um einem Nährstoffmangel und daraus folgenden Schädigungen der kindlichen Entwicklung vorzubeugen. Veganerinnen sollten ihre Nährstoffversorgung ärztlich überprüfen lassen und qualifizierte Ernährungsberatung in Anspruch nehmen.

Risiken und Vorsichtsmassnahmen

Lebensmittelsicherheit

Schwangere Frauen sollten keine rohen tierischen Lebensmittel verzehren, um das Risiko von Infektionen wie Listeriose und Toxoplasmose zu minimieren. Diese Infektionen können zu schweren Erkrankungen und Früh- oder Totgeburten führen.

  • Fleisch und Wurstwaren: Kein rohes oder nicht durchgegartes Fleisch (Schwein, Lamm, Schaf, Wild) sowie keine Rohwurst (Salami, roher Schinken). Räucherfisch, Weichkäse und Salate können ebenfalls mit Listerien kontaminiert sein. Gekochte Wurstsorten wie Fleischwurst, Mortadella und Kochschinken sind erlaubt.
  • Fisch: Fisch sollte immer durchgegart werden. Sushi, Sashimi, Austern und Thunfisch (wegen des Quecksilbergehalts) sollten gemieden werden.
  • Rohmilchprodukte: Käsesorten aus Rohmilch (z.B. Weichkäse, halbfester Käse wie Camembert) sind tabu. Weichkäse aus pasteurisierter Milch und Hartkäse sind unbedenklich. Rotschimmelkäse und Raspelkäse aus der Kühltheke sollten ebenfalls gemieden werden.
  • Eier: Eier sollten nur vollständig durchgegart verzehrt werden, da sie Salmonellen enthalten können. Rohe Eier sind in selbstgemachten Speisen wie Tiramisu, Mousse au Chocolat, Mayonnaise, Sauce Hollandaise, Kuchenteig oder Eis zu vermeiden. Industriell gefertigte Produkte sind in der Regel unbedenklich, da sie pasteurisierte Eier enthalten.
Symbolbild zur Lebensmittelsicherheit in der Schwangerschaft (z.B. eine Hand wäscht Gemüse)

Vermeidung von Alkohol und übermässigem Koffein

  • Alkohol: Geringe Mengen Alkohol können dem Ungeborenen schaden und zu Fehlentwicklungen führen. Alkohol ist in der Schwangerschaft absolut tabu. Auch manche Lebensmittel können Alkohol enthalten.
  • Koffein: Koffeinhaltige Energydrinks und zu viel Cola sollten vermieden werden. Maximal zwei kleine Gläser Cola pro Tag sind ratsam. Chininhaltige Getränke (Tonic Water, Bitter Lemon) nur in Massen geniessen.

Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln

Obwohl eine ausgewogene Ernährung essenziell ist, kann eine unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln negative Folgen haben. Studien zeigen, dass eine übermässige Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen, wie Eisen, Omega-3-Fettsäuren und Magnesium, nicht nur Geldverschwendung sein kann, sondern auch zu gesundheitlichen Problemen bei Mutter und Kind führen kann.

  • Überdosierung: Fünf Neugeborene hatten Hyperkalzämie (erhöhter Kalziumspiegel im Blut) aufgrund von Vitamin-D-Tabletteneinnahme der Mütter. Zwei weitere Kinder entwickelten eine Schilddrüsenunterfunktion durch zu viel Jod. Dies kann zu schweren Folgen führen.
  • Multinährstoffpräparate: Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) raten Schwangeren ohne nachgewiesenen Mangel oder ärztliche Rücksprache von Multinährstoffpräparaten ab.
  • Eisen: Eine gezielte Eisensupplementation sollte nur nach ärztlich diagnostiziertem Mangel erfolgen. Eine übermässige Eisenzufuhr kann das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes erhöhen.
  • Folsäure und Jod: Diese Supplemente werden aufgrund ihrer nachgewiesenen positiven Effekte generell empfohlen (siehe Empfehlungen oben). Bei Schilddrüsenerkrankungen ist jedoch ärztliche Rücksprache vor der Jodsupplementation ratsam.
  • Omega-3-Fettsäuren: Die Studienlage zur Wirkung von Omega-3-Fettsäuren auf die kognitive Entwicklung des Kindes ist inkonsistent. Der Verzehr von fettreichem Fisch wird als ausreichend erachtet.
  • Vitamin D: Trotz möglicher Zusammenhänge zwischen niedrigem Vitamin-D-Spiegel und erhöhtem Risiko für Präeklampsie und Frühgeburten sind allgemeine Einnahmeempfehlungen für Vitamin D nicht gerechtfertigt.
  • Vitamin A: Der Verzehr von Leber sollte in der Schwangerschaft vermieden werden, da sie toxische Mengen an Vitamin A enthält.

Marktchecks von Verbraucherzentralen haben gezeigt, dass Präparate für Schwangere oft überdosiert sind oder überflüssige Stoffe enthalten, was zur Verunsicherung der Frauen beiträgt.

Gesunde Schwangerschaft durch Ernährung - gesunde Fette | Vitamin D3 | Magnesium usw.

Zusammenfassung der Evidenz

Ein Cochrane-Review untersuchte Ernährungsberatung und Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft. Die Ergebnisse zeigten:

  • Ernährungsberatung steigerte die Proteinaufnahme, reduzierte Frühgeburten und niedriges Geburtsgewicht. Bei mangelernährten Frauen führte sie zu höherem Geburtsgewicht der Kinder.
  • Ausgewogene Energie- und Eiweisszufuhr durch Nahrungsergänzung reduzierte kindliche Todesfälle während der Geburt, erhöhte das Geburtsgewicht und verringerte die Anzahl von Kindern, die zu klein für die Dauer der Schwangerschaft waren. Die Auswirkungen auf die langfristige Gesundheit waren jedoch ungewiss.
  • Nahrungsergänzungsmittel mit hohem Eiweissgehalt zeigten keinen Nutzen und eine mögliche schädliche Wirkung (erhöhte Anzahl zu kleiner Kinder).
  • Isokalorische Eiweisszusätze zeigten keine Vorteile bezüglich Geburtsgewicht und Gewichtszunahme während der Schwangerschaft.

Die Bereitstellung von Ernährungsberatung oder einer ausgewogenen Energie- sowie Eiweisszufuhr durch Nahrungsergänzung für schwangere Frauen kann von Nutzen sein. Es gibt jedoch nicht genügend Evidenz für isokalorische Eiweisszufuhr durch Nahrungsergänzung.

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