Der kompetente Säugling: Revolutionäre Erkenntnisse der Säuglingsforschung

Die Säuglingsforschung hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen. Dank neuartiger Methoden und Fragestellungen haben Psychoanalytiker, Psychologen und Kinderpsychiater erstaunliche Ergebnisse bei der Untersuchung von Säuglingen erzielt. Früher wurde der Säugling als ein Wesen betrachtet, das passiv seinen körperlichen Bedürfnissen ausgeliefert ist und die Welt sowie sich selbst nur undeutlich wahrnimmt. Heutzutage ist jedoch klar, dass seine Fähigkeiten weitaus stärker unterschätzt wurden.

Darstellung eines Säuglings, der seine Umwelt aufmerksam wahrnimmt

Neue Perspektiven auf die Säuglingskompetenz

In den verschiedenen Kapiteln des Buches legt der Autor die neueren Erkenntnisse über die Kompetenz von Säuglingen dar. Es wird aufgezeigt, dass Säuglinge von Geburt an deutlich mehr und differenzierter sehen, hören, riechen, fühlen und interagieren, als bisher angenommen wurde. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass Säuglinge ihren körperlichen Bedürfnissen keineswegs passiv ausgeliefert sind, wie früher angenommen wurde. Sie sind kompetenter und nehmen ihre Umwelt weit schärfer wahr, als sich frühere Forscher haben träumen lassen.

Bedeutung für Psychoanalyse und Therapie

Die Bedeutung dieser Befunde für die psychoanalytische Theorie und Therapie wird ausführlich diskutiert. Der Autor plädiert für eine Intensivierung des interdisziplinären Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Nachbardisziplinen.

Psychoanalyse nach Freud - Basiswissen unter 3 Minuten

Martin Dornes: Einblicke in das Werk

Martin Dornes, geboren 1950, ist Soziologe, Entwicklungspsychologe und Gruppenanalytiker. Er promovierte in Soziologie und habilitierte sich in psychoanalytischer Psychologie. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Psychiatrie, Psychosomatik, Sexualmedizin und Medizinische Psychologie. Von 2002 bis 2014 war er Mitglied im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Im Fischer Taschenbuch Verlag sind unter anderem seine Werke "Der kompetente Säugling" (16. Aufl. 2015), "Die emotionale Welt des Kindes" (6. Aufl. 2014) und "Die Modernisierung der Seele" erschienen. Die Studien "Der kompetente Säugling" (1993) und "Die frühe Kindheit" (1997) bilden zusammen mit "Die emotionale Welt des Kindes" eine Trilogie, die das Werk des Soziologen und Gruppenanalytikers Martin Dornes abrundet.

Gesellschaftliche Implikationen und emotionale Entwicklung

Anstoßpunkt der Studie ist das von Autoren wie Richard Sennet oder Michael Lewis konstatierte Verschwinden der Vergangenheit als einer für die gegenwärtige Lebensführung unerheblichen Größe. Den Gegenbeweis tritt Dornes mittels der modernen Psychoanalyse und Bindungstheorie an. Diese Ansätze orientieren sich im Unterschied zu ihrer klassischen Variante weniger an 'großen' Themen wie dem ödipalen Drama, der Entwöhnung oder der Kastrationsangst, sondern machen real stattfindende "Mikrotraumatisierungen" (z. B. durch andauernde, aber 'undramatische' Zurückweisung durch die Eltern) für den Verlauf der späteren Biografie verantwortlich.

Kinder, die im Alter von zehn Jahren als "sicher" gebunden gelten, haben im Durchschnitt eine realistische Anzahl guter Freunde. Diese Zahl verringert sich bei Kindern mit "ambivalentem" Charakter. Kinder mit einem als "vermeidend" einzustufenden Bindungsverhalten haben in diesem Alter bereits erhebliche Schwierigkeiten, Gefühle wie Kummer und Traurigkeit im Gespräch zu thematisieren. Trotz dieser Belastungen muss die frühe Kindheit jedoch nicht zwangsläufig als Schicksal erlebt werden.

Grafische Darstellung der Auswirkungen von Bindungsverhalten auf soziale Beziehungen im Kindesalter

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