Gewalt in der Geburtshilfe: Formen, Folgen und Wege zur Unterstützung

Definition und Ausmaß von Gewalt in der Geburtshilfe

Gewalt in der Geburtshilfe bezeichnet Handlungen, die negativ beeinflussend, verändernd oder schädigend auf Frauen, gebärfähige Menschen (Transsexuelle) und ihre (ungeborenen) Kinder auswirken. Diese Gewalt kann verschiedene Formen annehmen und wird oft durch Faktoren wie Personalmangel, mangelnden Respekt oder Routine bedingt sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet drei Ebenen von Gewalt in der Geburtshilfe, die von Respektlosigkeit und verbaler Aggression bis hin zu physischer Gewalt reichen.

Obwohl das genaue Ausmaß des Problems in Deutschland noch unklar ist, deuten nicht-repräsentative Umfragen unter Betroffenen darauf hin, dass Gewalt und Respektlosigkeit in der Geburtshilfe ein relevantes Problem darstellen könnten. Die Ergebnisse solcher Umfragen, die auf Kongressen vorgestellt werden, zeigen, welche Formen der Misshandlung besonders relevant sind.

Schema zur Klassifizierung von Gewaltformen in der Geburtshilfe

Formen der Gewalt in der Geburtshilfe

Gewalt in der Geburtshilfe manifestiert sich auf vielfältige Weise. Zu den häufigsten Formen gehören:

  • Respektlosigkeit und verbale Gewalt: Anschreien, Druck ausüben, Beschimpfen, Diskriminieren (basierend auf Alter, Gewicht, Herkunft).
  • Medizinisch nicht indizierte oder unnötige Eingriffe: Untersuchungen, die nicht medizinisch notwendig sind, oder invasive Prozeduren wie das Legen eines Katheters, das unnötig schmerzhaft durchgeführt wird.
  • Medikamentengabe ohne oder mit unvollständiger Aufklärung: Verabreichung von Medikamenten, ohne die Gebärende umfassend über deren Notwendigkeit, Wirkung und mögliche Nebenwirkungen zu informieren.
  • Einschränkung der Entscheidungsfreiheit: Keine freie Wahl der Geburtsposition, Festhalten oder Festschnallen der Beine, was die natürliche Bewegung und den Geburtsverlauf behindern kann.
  • Physische Gewalt: Grobe Behandlung, die über notwendige medizinische Handgriffe hinausgeht.
  • Vernachlässigung: Gebärende werden im Kreißsaal allein gelassen, da das Personal überlastet ist und sich um zu viele andere Schwangere gleichzeitig kümmern muss.

Diese Praktiken können dazu führen, dass die Gebärende sich ausgeliefert fühlt und nicht immer an Entscheidungsprozessen beteiligt ist, sei es aus Zeit- oder Personalmangel.

Rechte der Gebärenden

Gebärende haben, wie alle Menschen, das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Dieses Recht beinhaltet sowohl das Recht auf informierte Zustimmung als auch das Recht auf Behandlungsverweigerung. Nach deutschem Patientenrechtegesetz ist die Gebärende die Entscheiderin über Untersuchungen, Eingriffe und Medikamentengabe während des Geburtsprozesses. Entscheidungen können jedoch nur getroffen werden, wenn tatsächliche Alternativen vorhanden sind, zwischen denen die Gebärende wählen kann. Eine Ausnahme bilden dringende medizinische Notfälle mit Gefährdung des Kindes nach Wehenbeginn; in solchen Fällen darf nach deutschem Recht gegen den mütterlichen Willen gehandelt werden (vgl. § 32 StGB).

Folgen von Gewalt in der Geburtshilfe

Die Folgen von Gewalt während der Geburt können für die Mütter stark variieren. Nach physischer Gewalt reichen sie von Schmerzen und Wundheilungsstörungen bis hin zu irreparablen Körperverletzungen. Auch die Beziehung zum Kind kann negativ beeinflusst werden. Betroffene fühlen sich zutiefst verängstigt, an körperlicher Bewegung gehindert und können in einen Zustand der Erstarrung oder sogar eines völligen physischen und psychischen Zusammenbruchs geraten. Stress und die erlebte Gewalt können zu einer langanhaltenden Phase führen, in der sich die Frauen von ihren Körpererfahrungen und Empfindungen abgeschnitten fühlen.

Studien deuten darauf hin, dass Frauen nach negativen Geburtserfahrungen später und seltener weitere Kinder bekommen. Dies unterstreicht die langfristigen Auswirkungen traumatischer Geburtserlebnisse auf die Reproduktionsentscheidungen.

Grafik, die die emotionalen und physischen Folgen von Gewalt in der Geburtshilfe darstellt

Ursachen und strukturelle Probleme

Experten begründen das Vorgehen, das zu Gewalt in der Geburtshilfe führen kann, unter anderem mit der Angst vor Regressionszahlungen und mit Personalabbau. Die Interventionsrate im normalen Geburtsverlauf hat erschreckende Ausmaße angenommen, was oft auf wirtschaftliche Ausrichtung und haftungsrechtliche Absicherung zurückgeführt wird, anstatt auf die Rechte der Gebärenden auf Autonomie, Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit.

Die kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt ist ein wichtiger Baustein für eine würdevolle und respektvolle Betreuung. Interventionen sollten nur dann durchgeführt werden, wenn ihr Nutzen den Schaden übersteigt. Übergriffiges Verhalten im Kreißsaal ist häufig Ausdruck von strukturellen Problemen und Überlastungen in den Abteilungen.

Wege zur Unterstützung und Prävention

Es gibt zahlreiche unterstützende Angebote für Betroffene von Gewalt in der Geburtshilfe. Diese reichen von Selbsthilfegruppen über Hilfetelefone bis hin zu spezialisierten Vereinen.

Roses Revolution: Sichtbarmachung und Dialog

Die Aktion „Roses Revolution“ spielt eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung des Erlebten. Das Ablegen einer Rose vor dem Kreißsaal, in dem Gewalt erfahren wurde, ist für viele Mütter und Väter ein erster Schritt, um die herrschende Sprachlosigkeit zu durchbrechen. Diese Aktion macht Gewalterfahrungen während der Geburt sichtbar und fordert gleichzeitig Maßnahmen für eine würdevolle Geburt. Mittlerweile stellen Klinikpersonal oft Vasen vor Kreißsälen auf, um die Rosen entgegenzunehmen. Dies zeigt, dass die Aktion auch im Klinikpersonal eine Chance zur Reflexion und Verbesserung des eigenen Handelns bietet.

Foto von Rosen, die vor einem Kreißsaal abgelegt wurden

Strukturelle Verbesserungen und Nachgespräche

Die Forderungen der WHO nach einer würde- und respektvollen Betreuung müssen konsequent von Politik und Gesundheitswesen umgesetzt werden. Eine Forderung des Deutschen Hebammenverbands (DHV) ist die Einführung eines verbindlichen Nachgesprächs nach der Geburt. Solche Gespräche können sowohl bei Eltern als auch bei Hebammen die Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis erhöhen und bieten einen gemeinsamen Raum zur Aufarbeitung des Erlebten.

Einige Kliniken gehen bereits voran: Hebammen des Ortenau Klinikums und des St. Elisabeth und St. Barbara Krankenhauses Halle haben sich dafür eingesetzt, dass in ihren Häusern künftig strukturierte Geburts-Nachgespräche stattfinden. Diese Initiativen werden mit dem Deutschen Hebammenpreis ausgezeichnet und es wird gewünscht, dass solche Vorstöße auch auf Bundesebene umgesetzt werden.

Organisationen wie der Hebammenverband Niedersachsen und der Landesverband der Hebammen NRW setzen sich energisch für eine echte Frau-zentrierte Geburtshilfe ein, die auf individuellen Bedürfnissen basiert. Veranstaltungen und Stellungnahmen von Verbänden wie Mother Hood e.V. und Traum(a)geburt e.V. tragen dazu bei, das Thema Gewalt in der Geburtshilfe weiterhin sichtbar zu machen und Betroffenen Unterstützung anzubieten.

087 - GEBURTSTRAUMA – Interview mit Trauma-Expertin Petra Hartmann

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