Obwohl die Geburtenrate in Deutschland gesunken ist, zeigt eine aktuelle Studie, dass junge Erwachsene weiterhin ein starkes Interesse an der Gründung einer Familie haben. Viele schieben jedoch die Verwirklichung dieses Wunsches auf.
Die aktuelle Situation der Geburtenrate
Die Geburtenrate in Deutschland ist seit einigen Jahren rückläufig. Jüngste Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) für die Jahre 2023 und 2024 belegen diesen Trend. Die Geburtenrate fiel von durchschnittlich 1,58 Kindern pro Frau im Jahr 2021 auf 1,35 Kinder pro Frau im Jahr 2024. Dies liegt im europäischen Mittelfeld.

Kinderwunsch bleibt bestehen: Ein Aufschub statt Verzicht
Trotz der sinkenden Geburtenzahlen bleibt der Kinderwunsch von jungen Erwachsenen laut einer Studie des BIB im Allgemeinen unverändert groß. Die Studienautoren gehen davon aus, dass die Geburten lediglich "aufgeschoben" werden und nicht gänzlich aufgegeben werden. Dies wird durch Befragungen gestützt, bei denen die Frage nach konkreten Plänen für Nachwuchs in den kommenden drei Jahren einen spürbar rückläufigen Trend bei 30- bis 39-Jährigen zeigt.
Laut der Studie wünschen sich Frauen durchschnittlich 1,76 Kinder, Männer im Schnitt 1,74 Kinder. Diese Werte sind in den vergangenen drei Jahren weitgehend stabil geblieben. Bevölkerungsforscherin Carmen Friedrich vom BiB erklärt: "Kinder zu bekommen bleibt ein zentrales Lebensziel für die meisten jungen Menschen." Die gegenwärtig sinkende Geburtenzahl weise "auf ein Aufschieben von Geburten hin".

Gründe für den aufgeschobenen Kinderwunsch
Als eine wesentliche Erklärung für das Aufschieben von Kinderplänen vermuten die Studienautoren eine generelle Unsicherheit junger Erwachsener. Diese Unsicherheit resultiert aus einer Kombination von internationalen Krisen wie der Corona-Pandemie, dem Krieg gegen die Ukraine und dem Klimawandel. Hinzu kommen ungewisse wirtschaftliche und persönliche Rahmenbedingungen.
Weitere genannte Gründe für die Entscheidung gegen ein Kind oder die Verschiebung des Kinderwunsches sind:
- Hohe Kosten: 42 Prozent der 18- bis 29-jährigen Frauen möchten zuerst Karriere machen und Geld verdienen, bevor sie eine Familie gründen.
- Beruflicher Stress: Für 39 % der Frauen und 34 % der Männer ist der eigene berufliche Stress ein wesentlicher Grund für die ungewollte Kinderlosigkeit. Im Jahr 2013 gaben nur 16 bzw. 19 Prozent diesen Grund an.
- Sozialer Druck: Mutter- und Vatersein wird immer noch stark an die eigene Geschlechtsidentität geknüpft.
- Fehlender Partner: 19 Prozent der Frauen ohne Kind in Deutschland gaben an, noch nicht den richtigen Partner gefunden zu haben.
Fertilitätsbarrieren: Schwierigkeiten beim Schwangerwerden
Parallel zum aufgeschobenen Kinderwunsch gibt es eine wachsende Zahl von Frauen, die Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) haben rund 28 Prozent der Frauen im reproduktiven Alter mit Infertilität zu kämpfen, was bedeutet, dass eine Schwangerschaft nur verzögert eintritt oder ausbleibt. Neun Prozent der Frauen haben zudem bereits eine oder mehrere Fehlgeburten erlebt.
Alter als entscheidender Faktor
Das Alter bei der Familiengründung spielt eine zentrale Rolle. Das durchschnittliche Alter von Müttern beim ersten Kind ist in Deutschland auf 30,4 Jahre gestiegen, Väter sind meist noch älter. Mit zunehmendem Alter nehmen das Risiko für Infertilität und Schwangerschaftsverluste deutlich zu.
- Frauen ab 35 Jahren: Fast jede zweite Frau (47 Prozent) hat bereits "Fertilitätsbarrieren" erlebt. Nur 8 Prozent dieser Altersgruppe haben ohne Schwierigkeiten ein Kind bekommen.
- Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 30: Rund 63 Prozent dieser Frauen bekamen innerhalb von zehn Jahren mindestens ein Kind.

Reproduktionsmedizin als Option
Angesichts dieser Herausforderungen rückt die Reproduktionsmedizin stärker in den Fokus. Laut einer Studie der Online-Arztpraxis ZAVA kann sich etwa jede vierte Frau in Deutschland (28 %) eine künstliche Befruchtung vorstellen. Dies spiegelt den europaweiten Trend wider, wo jährlich über 900.000 künstliche Befruchtungen durchgeführt werden und dadurch etwa 200.000 Kinder geboren werden.
Methoden der künstlichen Befruchtung
Zu den Methoden der künstlichen Befruchtung zählen unter anderem:
- Insemination: Einführung von Samenzellen in die Gebärmutter.
- In-vitro-Fertilisation (IVF): Zusammenführung von Samenzellen und Eizellen außerhalb des Körpers, gefolgt von der Einpflanzung des Embryos.
- Spermieninjektion (ICSI): Direkte Injektion eines einzelnen Spermiums in die Eizelle.
- TESE / MESA: Gewinnung von Spermien aus Hoden oder Nebenhoden.
- Kryotransfer: Einfrieren befruchteter Eizellen für spätere Versuche.
Rechtliche und finanzielle Aspekte
Die Rechtslage zur künstlichen Befruchtung in Deutschland ist komplex. Während einige Methoden wie Samenspenden, IVF und ICSI erlaubt sind, sind andere, wie die Verwendung fremder Eizellen oder Leihmutterschaft, gesetzlich verboten. Dies führt dazu, dass viele Paare für bestimmte Behandlungen ins Ausland ausweichen.
Die Kosten für künstliche Befruchtung können erheblich sein, wobei unter bestimmten Voraussetzungen eine Kostenübernahme durch Krankenkassen möglich ist. Die Voraussetzungen hierfür umfassen in der Regel eine bestehende Ehe, die ausschließliche Verwendung von Eizellen und Samenzellen der Eheleute, ärztliche Aufklärung und ein Mindestalter von 25 Jahren für beide Partner.
Frauen mit höherem Bildungsabschluss können sich eine künstliche Befruchtung eher vorstellen als Frauen mit niedrigerem Abschluss. Dies könnte auf einen unterschiedlichen Zugang zu Informationen zurückzuführen sein. Die hohen Kosten stellen jedoch für viele, insbesondere Geringverdiener, eine erhebliche Hürde dar.
Künstliche Befruchtung: Drei Vorurteile im Check | ARTE Hintergrund
Politische Handlungsaufforderungen
Fachleute sehen die Politik in der Pflicht, um für eine Trendwende zu sorgen. Studien-Mitautor Martin Bujard betont: "Verlässliche Kindertagesbetreuung, bezahlbarer Wohnraum und politische Handlungsfähigkeit sind essenziell, um jungen Menschen Sicherheit zu geben." Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es jungen Menschen erleichtern, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen.
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