Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und da begegnete ihm eine alte Frau, die wusste seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen. Zu diesem sollte es sagen: »Töpfchen, koche!«, so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: »Töpfchen, steh!«, so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.
Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: »Töpfchen, koche!«, da kocht es, und sie isst sich satt. Nun will sie, dass das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen.

Die vielschichtige Bedeutung des süßen Breis
Dieses kleine Märchen birgt eine große Bedeutung und lässt sich auf verschiedenen Ebenen interpretieren, die weit über die reine Erzählung hinausgehen.
Die oberste Ebene: Hunger und Überfluss in der modernen Welt
Auf der obersten Ebene thematisiert das Märchen den altbekannten Hunger, mit dem die Menschen wohl schon immer kämpfen. Dieses Problem endgültig zu lösen, ist ein Traum, den wir natürlich auch heute noch verfolgen. Die erste Idee ist natürlich das Schlaraffenland: Essen als Flatrate, und vor allem das Schmackhafte! Und in bestimmter Weise haben wir es auch geschafft, dass unsere moderne Wirtschaft so viel Nahrung produziert, dass wir kaum noch wissen, wohin damit. Denken wir an den berühmten Butterberg oder Milchsee der EU. Deshalb können wir es uns auch leisten, alles Obst und Gemüse, das nicht dem Idealbild entspricht, in großen Mengen zu vernichten, oft 50% einer ganzen Ernte. Und trotzdem brauchen wir unbedingt immer größere Rekordernten, die man „auf Teufel komm raus“ mit viel Chemie und Gift erzwingt. Es ist, als ob man überall nur noch hört: »Töpfchen koche!« Und je größer der Gewinn, umso weniger scheint die Vernunft anwesend zu sein. So ist die moderne Massenproduktion von Nahrungsmitteln offensichtlich ein Zaubertopf, der schwer zu beherrschen ist.

Entsprechend finden wir hier im Märchen zwei Generationen, Mutter und Tochter, die eine Entwicklung darstellen, die offensichtlich schon früher ein wichtiges Thema war. Was die ältere Generation in Gang gebracht hat, muss nun die nachfolgende Generation lernen zu beherrschen und zu zügeln. Das mag hier zunächst die Botschaft und Herausforderung für unsere Kinder sein, dass sie ihre Tugend nutzen, um die Weiterentwicklung dieser Welt zu beherrschen und nicht darin zu ersticken. Das wird natürlich kindlich zum Ausdruck gebracht, nach dem Motto: »Ach Mami, weißt Du nicht, wie man dieses Gerät richtig bedient?« So wachsen die Generationen. Denken wir zum Beispiel an das Autofahren: Wenn es früher zuerst um das Schnellfahren ging, so muss nun die heutige Generation vor allem das kontrollierte Bremsen und Anhalten lernen, um größere Katastrophen im dichten Verkehrschaos zu vermeiden. Doch auch diese Generation wird ihre Wellen schlagen, und die nächste muss dann wahrscheinlich lernen, den Bordcomputer und all die Sicherheitssysteme zu beherrschen, und darf sich morgens in Geduld üben, bis alle nötigen Updates installiert wurden und ihr Auto endlich anspringt. So schlägt jede Generation ihre eigenen Wellen, welche die nachkommenden dann ausbaden müssen. Das Gleiche gilt für unseren allgemeinen Überfluss.
Die mittlere Ebene: Das Ich und die Vernunft im Einklang mit der Natur
Auf mittlerer Ebene können wir Mutter und Tochter auch in einem Menschen vereinen und als unsere egozentrische Person zusammen mit der menschlichen Vernunft betrachten. Das Ego sorgt dafür, dass wir uns gern von anderen unterscheiden. Aus dieser Unterscheidung von ‚Mein‘ und ‚Dein‘ entsteht der große Hunger, und die Vernunft geht auf die Suche in den Wald der Welt und trifft dort die uralte Mutter Natur, die bereits weiß, was sie sucht. Wenn wir die Tiere und Pflanzen in der Natur betrachten, dann sehen wir, dass ihnen die Nahrung mehr oder weniger zugeteilt wird. Die Natur selbst setzt hier die Grenzen, und dieses System hat sich über lange Zeit so gebildet, dass es relativ gut und gesund funktioniert. Manchmal gibt es Überfluss und manchmal Hunger. Auf diese Weise bilden Natur und Lebewesen einen großen und intelligenten Organismus, der sich selbst organisiert, reguliert und optimiert. Das nennt man heute ‚Ökosystem‘. So gibt die Natur jedem Lebewesen die nötige Nahrung entsprechend seinem Entwicklungsstand. Das heißt hier im Märchen: »die alte Frau wusste um ihren Jammer...« Und dass wir Menschen von der Natur heute so große Gaben empfangen wie gewaltige Energiemengen, Chemie und Maschinen, entspricht unserem Entwicklungsstand. Und was ist der tiefere Sinn? Unsere Vernunft soll daran wachsen und lernen, sie vernünftig zu gebrauchen. Und so bekommt die Tochter nicht nur den ‚Topf‘ als eine materielle Gabe, sondern auch das Wissen, damit umzugehen.

Wenn nun aber die Vernunft nicht zu Hause ist und unsere egozentrische Person nach den Gaben der Natur greift, dann werden schnell alle vernünftigen Grenzen überschritten. Denken wir an den ‚Topf‘ der fossilen Brennstoffe wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Sie stammen von Lebewesen, die vor langer Zeit wie wir um ihr Leben gekämpft und diese Energiemengen in ihren Körpern angesammelt haben. Es sind sozusagen unsere Vorfahren, denen wir diese Energie verdanken. Und wie vernünftig gehen wir damit um? Hört man nicht überall nur ‚Töpfchen koche!‘? Oder auch der ‚Topf‘ der Atomenergie! Wenn die Vernunft nicht zu Hause ist, dann wird jeder Segen schnell zum Fluch. Auch die Tiere im Wald haben ihre ‚Töpfe‘, doch sie sind immer nur so groß wie nötig. Als Menschen sind wir hier sicherlich keine Ausnahme, auch unsere ‚Töpfe‘ sind nur so groß wie nötig. Aber wie das Märchen bereits sagt, das sind alles noch ‚Töpfchen‘. Denn je höher sich der Mensch entwickelt, desto größer werden auch die ‚Töpfe‘, bis hin zur Flatrate im Paradies. Solche wirklich großen ‚Töpfe‘ können wir uns heute kaum vorstellen, wie sich auch vor ein paar hundert Jahren noch kein Mensch den ‚Topf‘ der Atomenergie oder komplizierter Maschinen vorstellen konnte.
Die tiefste Ebene: Geistiger Hunger und die Zügelung der Gedanken
Aber so richtig Sinn macht das ganze Märchen erst auf einer noch tieferen, geistigen Ebene. Auch hier gibt es einen großen Hunger, ein Verlangen nach geistiger Nahrung, das wir sicherlich gut kennen. Und dann heißt der Spruch nicht mehr »Töpfchen koche!« sondern »Köpfchen koche!«, und es geht vor allem um die geliebten Gedanken, die uns oft wie ein süßer Brei überkochen und ringsherum alles überschwemmen und ersticken. Dazu gehört heutzutage auch die gewaltige Informationsmenge, die uns mit den modernen Medien tagtäglich überflutet. Diesen ‚Topf‘ könnte man auch ‚Wissen-Schafft‘ nennen, also eine Art Massenproduktion an Wissen. Das Internet ist wohl ein typischer Ausdruck für diese Entwicklung. Noch vor hundert Jahren wollten wir uns von diesem Wissen gesund ernähren und die faule Speise des Aberglaubens abschaffen. Doch nun kocht es schon über und überschwemmt alles. Und erst, wenn es das ‚letzte Haus‘ angreift, nämlich unser eigenes, kommt wohl die Vernunft wieder zurück und bannt diesen Brei. Doch all unsere Nachkommen, die in diesem Land noch mitarbeiten wollen, müssen sich nun zuerst durch diesen Wissens-Brei hindurchfressen. Das schaffen vor allem jene, die eine schlechte oder gar keine geistige Verdauung haben. Die tiefer Denkenden bleiben mit chronischer Verfettung irgendwann auf der Strecke liegen, während die oberflächlichen Vielwisser klare Vorteile haben. Kommt uns das bekannt vor?

Und wenn wir nun am Ende ganz in unser menschliches Wesen hineingehen, dann könnte dieses Märchen auch von der Zügelung unserer eigenen Gedankenflut handeln, die uns alltäglich überrollt. Dieses weitschweifende Denken ist im Grunde ein Geschenk der Natur, das unsere menschliche Vernunft entwickeln soll. Dafür wurde uns dieser ‚Topf‘ bzw. ‚Kopf‘ gegeben, doch nicht nur mit dem Gebot »Köpfchen koche!« sondern auch mit »Köpfchen steh!«. Und damit kommen wir in den Bereich der geistigen Übung und sprechen von Meditation, Gebet und Yoga, wo es vor allem um die Zügelung der ruhelosen Gedanken geht. Dort heißt es: „Wer wahrhafte Erkenntnis sucht, sollte mithilfe der Vernunft seine Rede und seine Gedanken zügeln. Eins davon sind die Mantras, wie zum Beispiel ‚Köpfchen steh!‘. Und damit schließt sich der Kreis unseres Märchens: »Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein...« Denn das beste Mittel, die wilden Gedanken zu beruhigen, ist am Ende die reine Armut und das wahre Alleinsein in Einheit mit der großen Mutter. Was bedeutet „All-Ein-Sein“? Für unser kleines Ego-Ich ist es bekanntlich so schrecklich wie der Tod.
Märchenhafte Adaptionen und wissenschaftliche Einordnung
Der süße Brei ist ein Märchen (ATU 565). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 103 (KHM 103). Bis zur 2. Auflage von 1819 war es das 103. Märchen, danach bis zur 6. Auflage von 1850 das 107. Märchen. Die Ausgabe von 1857 behielt die Nummer 103 bei.
Das Märchen wurde von den Brüdern Grimm aus Hessen gesammelt. Als Quelle wird Henriette Dorothea Wild, die Frau von Wilhelm Grimm, genannt. Die Brüder Grimm notierten auch Vergleiche zu anderen Erzählungen, darunter eine »uralte Fabel« vom nie versiegenden Krug, eine indische Erzählung vom Topf, der aus einem Reiskorn endlos kocht, sowie Goethes »Der Zauberlehrling«.
Lutz Röhrich bemerkt, dass die Erwähnung von Hirse in Märchen anscheinend von der mittelalterlichen Nahrungsgewohnheit der Unterschicht geblieben ist. Das Motiv des Märchens war ehedem wohlbekannt, weit verbreitet und bitter: Hunger. Das Märchen ist auch älter als der erste Import von erschwinglichem (Rohr-)Zucker, und vorher war Süßendes (Honig, Sirup, Süßkirsche o. ä.) außerordentlich knapp - so macht die natürliche Süße der gekochten Hirsekörner den Brei besonders wunderbar.
Das vergnüglich-groteske Bild der Stadt voller Brei könnte die Lehre mittransportieren: Wunder würden jemandem anvertraut - man sollte eine besondere Gabe dem Beschenkten nicht hinterrücks entziehen, nicht einmal eine Mutter ihrem Kind. Das bringt Unsegen. Das kochende Gefäß der alten Frau ist die nahrungsspendende Funktion des Mutterarchetyps.
Im Jahr 2018 wurde "Der süße Brei" mit Elementen des modernen Fantasyfilms für die ZDF-Reihe Märchenperlen verfilmt. Regie führte Frank Stoye, die Hauptfiguren verkörperten Svenja Jung und Merlin Rose. Da es sich um das kürzeste Märchen der Grimms handelt, wurden in die Verfilmung etliche neue Aspekte eingefügt.
"Der süße Brei" (2018) - Trailer
Es gibt auch Adaptionen für jüngere Kinder, wie zum Beispiel die Kamishibai-Version von Simone Klement, die das Märchen so nacherzählt, dass auch Kinder unter drei Jahren Spaß mit der Geschichte haben. Diese Version nutzt eine klare Bildsprache und eine kurze Geschichte, um das Erzählen und Sprechen zu fördern.

Die Geschichte des süßen Breis greift universelle Themen wie Hunger, Überfluss, Verantwortung und die Zügelung von Begierden auf. Sie erinnert uns daran, dass selbst die größten Gaben, wenn sie unkontrolliert eingesetzt werden, zu einer Flutkatastrophe werden können, und dass wahre Erfüllung oft in der Beherrschung und der Vernunft liegt.
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