Die akute Mittelohrentzündung (AOM) ist eine der häufigsten entzündlichen Erkrankungen im Säuglings- und Kleinkindalter und stellt den dritthäufigsten Grund für Antibiotikaverordnungen in dieser Altersgruppe dar. Nach der Einführung von Antibiotika in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einem signifikanten Rückgang der bis dahin schwerwiegenden Komplikationen dieser Erkrankung. Bis in die 1980er Jahre gab es keinen Zweifel an der Notwendigkeit einer sofortigen antibiotischen Therapie bei Erstdiagnose einer AOM. Angesichts der zunehmenden Entwicklung von Antibiotikaresistenzen konnten van Buchem et al. 1981 erstmals nachweisen, dass bei Kindern ab zwei Jahren mit unkomplizierter AOM ein abwartendes Verhalten unter rein symptomatischer Therapie vertretbar ist.
Symptome und Ursachen der Mittelohrentzündung
Eine akute Mittelohrentzündung äußert sich oft durch heftige Ohrenschmerzen, ein Druckgefühl im Ohr und Fieber. Bei Säuglingen und Kleinkindern können die Symptome unspezifischer sein und sich durch Unruhe, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit und Bauchschmerzen äußern. Die Entzündung entsteht meist als Folge einer Erkältung, bei der Krankheitserreger aus dem Nasen-Rachenraum über die Ohrtrompete (Eustachische Röhre) in das Mittelohr gelangen. Die Ohrtrompete ist im Kindesalter kürzer und verläuft horizontaler, was den Aufstieg von Bakterien begünstigt.
Die Ohrtrompete verbindet den Rachenraum mit dem Mittelohr. Bei einer Entzündung schwillt die Schleimhaut in der Ohrtrompete an, was die Belüftung des Mittelohrs einschränkt. Dies kann zur Ansammlung von Sekret und zur Entstehung einer bakteriellen Sekundärinfektion führen, bei der sich Eiter im Mittelohr bildet. Dies wird otoskopisch als vorgewölbtes und gerötetes Trommelfell sichtbar.
Die typischen Erreger einer bakteriellen Mittelohrentzündung sind Streptococcus pneumoniae (SP), Moraxella catarrhalis (MC) und Haemophilus influenzae (HI). Die Einführung von Impfungen gegen Pneumokokken hat die Epidemiologie verändert; der Anteil von HI und MC hat zugenommen.

Wann ist eine Antibiotikabehandlung indiziert?
Die Entscheidung für oder gegen eine Antibiotikatherapie bei akuter Mittelohrentzündung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Grundsätzlich gilt, dass bei den meisten Kindern mit unkomplizierter Mittelohrentzündung eine abwartende Behandlung mit symptomatischer Schmerztherapie vertretbar ist. Dies gilt insbesondere für Kinder über zwei Jahren ohne Risikofaktoren.
Indikationen für eine sofortige Antibiotikagabe:
- Säuglinge unter sechs Monaten.
- Kinder unter zwei Jahren mit beidseitiger akuter Mittelohrentzündung.
- Kinder mit akuter Mittelohrentzündung und Ohrausfluss (Otorrhoe).
- Kinder mit ausgeprägtem Krankheitsbild, z. B. hohem Fieber (39 Grad Celsius und höher), anhaltendem Erbrechen und/oder Durchfall, schlechtem Allgemeinbefinden.
- Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen oder Risikokonstellationen (z. B. Immunschwäche, Voroperationen am Ohr, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte).
Bei klinisch ausgeprägten Beschwerden, insbesondere bei kleineren Kindern, ist eine sofortige Behandlung mit Antibiotika sinnvoll. Auch bei persistierenden Beschwerden nach 48 Stunden symptomatischer Behandlung oder bei Verschlechterung des Zustandsbildes sollte eine Antibiotikatherapie eingeleitet werden.
Nutzen und Risiken von Antibiotika
Antibiotika wirken gegen bakterielle Infektionen, indem sie schädliche Bakterien abtöten oder ihr Wachstum stoppen. Sie können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall verursachen, die bei etwa 1 von 10 behandelten Patienten auftreten können. Allergische Reaktionen wie Hautausschlag sind bei etwa 1 von 15 Patienten möglich.
Wissenschaftliche Studien, die die Vor- und Nachteile einer Antibiotikabehandlung bei Säuglingen und Kleinkindern mit akuter Mittelohrentzündung untersucht haben, zeigen, dass Antibiotika die Genesung nicht immer beschleunigen. Die Ohrenschmerzen klangen bei vielen Kindern mit oder ohne Antibiotika innerhalb von 24 Stunden nicht schneller ab. Ein geringer Vorteil wurde bei der Reduzierung von Schmerzen nach 2-3 Tagen und bei der Verhinderung von Trommelfellrissen festgestellt. Allerdings sind Trommelfellrisse oft harmlos und heilen von selbst ab.
Den höchsten Nutzen von einer Antibiotikabehandlung haben Kinder unter zwei Jahren mit beidseitiger akuter Mittelohrentzündung oder mit Ohrausfluss. Für die meisten anderen Kinder mit unkomplizierter Mittelohrentzündung erscheint eine abwartende Behandlung gerechtfertigt. Die zu häufige Verwendung von Antibiotika trägt zur Entwicklung von resistenten Bakterien bei, was ein ernsthaftes Problem darstellt.
Wie wirken Antibiotika?!
Behandlungsempfehlungen und Therapieoptionen
Symptomatische Behandlung:
Die Schmerzbehandlung ist ein zentraler Aspekt bei der Behandlung der Mittelohrentzündung. Hierfür werden Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt. Ibuprofen hat zusätzlich eine entzündungshemmende Wirkung.
Abschwellende Nasentropfen oder -sprays können die Belüftung des Mittelohrs verbessern und den Abfluss von Sekret erleichtern. Sie sollten jedoch nicht länger als eine Woche angewendet werden.
Hausmittel wie Wärmebehandlungen mit Rotlicht, Kirschkernkissen oder Zwiebelsäckchen können unterstützend wirken.
Antibiotische Therapie:
Bei Kindern mit erhöhtem Risiko oder bei Vorliegen bestimmter Indikationen (siehe oben) wird eine Antibiotikatherapie eingeleitet. Das Mittel der Wahl ist häufig Amoxicillin. Bei Penicillinallergie kommen alternative Antibiotika wie Makrolide zum Einsatz.
Die Dauer der antibiotischen Therapie beträgt in der Regel etwa sieben Tage. Es ist wichtig, das Antibiotikum genau nach ärztlicher Verordnung einzunehmen und die Behandlung nicht vorzeitig abzubrechen, um die Entwicklung von Resistenzen zu vermeiden.
Operative Eingriffe:
In seltenen Fällen, wenn die Mittelohrentzündung lange besteht und sich nicht bessert, kann ein kleiner Schnitt ins Trommelfell (Parazentese) zur Belüftung und zum Abfluss von Eiter oder Blut notwendig sein. Bei langsam abfließender Flüssigkeit kann ein Paukenröhrchen eingelegt werden, um den Abfluss offenzuhalten.
Prophylaxe und Prävention
Zur Vorbeugung von Mittelohrentzündungen werden folgende Maßnahmen empfohlen:
- Ein rauchfreies Umfeld.
- Stillen in den ersten Lebensmonaten, da Muttermilch schützende Antikörper enthält.
- Impfungen, insbesondere gegen Pneumokokken und Haemophilus influenzae B.
- Gute Ausheilung von Erkältungen, um ein Aufsteigen von Infektionen in das Mittelohr zu verhindern.
- Die Vermeidung von Schnullernutzung nach dem 6. Lebensmonat.
Ein gestärktes Immunsystem durch gesunde Ernährung, frische Luft und ausreichend Bewegung trägt ebenfalls zur Prävention bei.

Forschung und aktuelle Empfehlungen
Aktuelle Forschungsergebnisse und Leitlinien tendieren zunehmend zu einer abwartenden Haltung bei der Behandlung von unkomplizierten Mittelohrentzündungen, insbesondere bei älteren Kindern ohne Risikofaktoren. Dies dient dazu, den unnötigen Einsatz von Antibiotika und deren mögliche Nebenwirkungen zu vermeiden.
Die Überwachung des Krankheitsverlaufs und eine engmaschige ärztliche Kontrolle sind dabei essenziell. Eltern werden aufgeklärt, woran sie eine Verschlechterung oder Warnzeichen für Komplikationen erkennen können. Bei Anzeichen wie eitrigem Ohrausfluss, beidseitiger Entzündung oder hohem Fieber wird eine antibiotische Behandlung empfohlen.
Die Forschung konzentriert sich weiterhin auf die Optimierung der Antibiotikatherapie, die Identifizierung von Risikogruppen und die Entwicklung präventiver Strategien, um die Belastung durch Mittelohrentzündungen bei Säuglingen und Kleinkindern zu reduzieren.
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