Die Feststellung einer ungeplanten Schwangerschaft wirft für viele Frauen die drängende Frage auf, ob und wie sie diese fortsetzen können. Die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch ist oft komplex und emotional aufgeladen. Etwa jede sechste Frau erlebt mindestens einmal im Leben eine ungewollte Schwangerschaft. Für manche ist die Entscheidung hierbei klar, während andere zweifeln, schwanken oder sich von der bevorstehenden Wahl überfordert fühlen.
Ambivalente oder wechselnde Gefühle sind in dieser Situation nichts Ungewöhnliches. Dennoch ist es wichtig zu wissen, dass fast alle Frauen letztendlich zu einer für sie guten und tragfähigen Entscheidung gelangen. Manchmal wird diese Frage auch durch auffällige Befunde in der Pränataldiagnostik aufgeworfen. In den AWO Schwangerschaftsberatungen wird täglich die Erfahrung gemacht, dass diese Entscheidung stets wohlüberlegt getroffen wird. Die Wege dorthin sind vielfältig: Manche treffen die Entscheidung rational durch Abwägen, andere intuitiv. Einige suchen das Gespräch mit vielen Freundinnen, andere agieren im Stillen. Die Entscheidung kann ruhig oder eilig getroffen werden, in der sechsten Schwangerschaftswoche oder im letzten möglichen Moment. Jeder dieser Wege kann auf seine eigene Weise der richtige sein.

Unterstützung bei der Entscheidungsfindung
Um den Prozess der Entscheidungsfindung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch zu erleichtern, können verschiedene Fragen und Gedankenspiele hilfreich sein. Es ist ratsam, sich hierfür ausreichend Zeit zu nehmen.
Persönliche Lebensplanung und Kind(er)
- Können Sie sich grundsätzlich ein Leben mit (weiteren) Kind(ern) vorstellen?
- Passen die typischen Abläufe, die mit Kindern einhergehen (Frühstück, Mittagsschlaf, Abendessen), zu Ihren aktuellen oder zukünftigen Plänen?
Freiheit und Selbstbestimmung
- Fühlen Sie sich frei, die Entscheidung Pro- oder Contra-Schwangerschaftsabbruch zu treffen?
- Was denken Sie persönlich über das Thema Abtreibung? Können Sie frei darüber nachdenken, ohne äußeren Druck?
Bedürfnisse und Unterstützung
- Was brauchen Sie gerade jetzt, um eine gute Entscheidung treffen zu können?
- Benötigen Sie eine kleine Auszeit, Erholung, Spaziergänge, sportliche Betätigung, Zeit allein, mit Ihrem Partner oder einer Freundin?
Die AWO Schwangerschaftsberatungen bieten Unterstützung bei der Entscheidungsfindung an. Dort wird zugehört und geholfen, Gedanken, Zweifel und Einwände zu ordnen, ohne Druck in eine bestimmte Richtung auszuüben. Im Rahmen der Schwangerschaftskonfliktberatung der AWO erhalten Sie auch den notwendigen Beratungsschein für einen Abbruch.
Abtreibung: Was macht das mit betroffenen Frauen? Der Talk | stern TV
Methoden zur Klärung von Gründen
Wenn Zweifel bestehen, kann es hilfreich sein, die wichtigen Punkte aufzuschreiben oder in einem Beratungsgespräch auszusprechen. Dies ermöglicht es, die verschiedenen Gründe einzeln zu betrachten und zu überprüfen.
Abwägung von Pro und Contra
- Wie groß ist Ihr Wunsch nach einem Kind?
- Welches Gewicht hat das Problem einer halbfertigen Ausbildung?
- Wie realistisch ist die Hoffnung auf Unterstützung durch den*die Partner*in?
Mehr Pro- oder Contra-Argumente allein ergeben noch keine Entscheidung, da die Gründe unterschiedlich wichtig sein können. Zitate wie "Meine Oma sagt, ein Kind kriegst du immer irgendwie mit groß" oder "Meine Mutter sagt, mit Kindern schaffst du nichts anderes mehr" verdeutlichen die Vielfalt der Ratschläge, die Frauen erhalten können. In solchen Situationen kann ein neutraler Raum, wie er in einer Beratung geboten wird, helfen, die eigene, unabhängige Entscheidung zu treffen.
Vielfalt der Gründe für eine Abtreibung
Die Gründe, warum Frauen sich für eine Abtreibung entscheiden, sind vielfältig und individuell:
- Grundsätzlicher Wunsch, kein Kind zu bekommen.
- Wunsch, jetzt noch kein Kind zu bekommen.
- Bereits vorhandene Kinder und der Wunsch, kein weiteres zu bekommen.
- Unsicherheit oder Unfähigkeit, sich die Betreuung eines behinderten Kindes zuzutrauen.
- Keine Vorstellung davon, sich mit dem Vater des Kindes zu binden.
- Erleben von Gewalt in der Beziehung, die dem Kind nicht zugemutet werden soll.
- Gefühl, nicht die nötige Kraft für (noch) ein Kind zu haben.
- Eigene gesundheitliche oder psychische Instabilität.
- Noch nicht abgeschlossene schulische Ausbildung.
- Gesellschaftlicher oder familiärer Druck, kein Kind vor der Ehe zu bekommen, um nicht aus der Community verstoßen zu werden.
- Verfolgung einer einmaligen beruflichen Chance.
All diese Gründe können ausschlaggebend sein.
Vielfalt der Gründe für die Fortsetzung der Schwangerschaft
Etwas mehr als die Hälfte aller ungewollt schwangeren Menschen entscheidet sich gegen eine Abtreibung und für die Fortsetzung der Schwangerschaft. Auch hierfür gibt es zahlreiche Gründe:
- Wunsch nach einem Kind zu einem späteren Zeitpunkt, was nun umgeplant wird.
- Geringes Einkommen, aber eine gute Beziehung.
- Unfähigkeit, sich einen Schwangerschaftsabbruch vorzustellen, und Entscheidung für Adoption.
- Nutzung der Schwangerschaft als Anlass, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen.
- Möglichkeit, eine berufliche Chance im Gespräch mit dem Jobcenter oder Arbeitgeber zu vertagen.
- Unterstützung durch Freundinnen oder Großeltern.
- Verfügbarkeit von Krippenplätzen und die Möglichkeit, den Schulabschluss zu absolvieren.
- Klares Bauchgefühl, das für die Fortsetzung der Schwangerschaft spricht.

Der Weg zur eigenen Entscheidung
Keine Checkliste, kein Video und kein Online-Test können die persönliche Entscheidung beantworten. Jede ungewollt schwangere Person muss ihren eigenen Weg finden. Bei manchen ist das eigene Bauchgefühl gut versteckt. Die Beratung bietet einen Freiraum, um danach zu suchen und alle notwendigen Informationen zu erhalten.
Aus tausenden von Beratungsgesprächen weiß man: Keine Schwangere trifft die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung leichtfertig. Manchen erscheint diese Wahl überwältigend groß. Die Entscheidung betrifft das körperliche Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Person. Letztlich entscheidet die schwangere Person selbst, ob die Schwangerschaft fortgesetzt wird oder nicht.
Dennoch möchten viele Paare eine gemeinsame Entscheidung treffen. Falls die gemeinsame Entscheidungsfindung schwierig ist, können sich Partner*innen einzeln oder gemeinsam beraten lassen.
Umgang mit Widerständen und psychischer Gesundheit
Das Thema Abtreibung ist politisch umstritten. Abtreibungsgegner*innen behaupten oft, ein Schwangerschaftsabbruch würde über Jahre traumatisieren und psychische Schäden seien vorprogrammiert. Als Berater*innen, die viele Menschen vor und nach einer Abtreibung begleitet haben, kann diese Position nicht bestätigt werden. Die meisten Menschen sind nach einem Abbruch erleichtert. Einige empfinden traurige Gefühle, auch wenn sie sich ihrer Entscheidung sicher sind. Dies ist ein normaler Prozess. Eine längere Phase von Trauer und Abschied kann auch nach einem Schwangerschaftsabbruch anstehen. Schwierig wird es, wenn diese Gefühle nicht zugelassen werden dürfen oder wenn Schwangere unter Druck gesetzt wurden.
In der Beratung können Gedanken ausgesprochen und eingeordnet werden. Eine wertschätzende Beratungshaltung unterstützt diesen Prozess. Es wurden bereits viele Hintergründe gehört - von familiären Zwängen über Gewaltverhältnisse, Zwangsheiraten, Prostitution bis hin zu Drogen. Jede Entscheidung hat ihre eigenen Hintergründe, und es wird nicht geurteilt. Die Berater*innen unterliegen der Schweigepflicht.
Die Entscheidung Pro-Contra-Abtreibung kann nicht abgenommen werden, aber eine persönliche, anonyme und kostenlose Beratung ist jederzeit möglich.
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